Wanderausstellung zum Thema Suizid und wie wir damit umgehen.

Die Wanderausstellung «Suizid – und dann?» kann ab sofort gebucht werden

4 Module mit insgesamt 19 Panels sensibilisieren und informieren über Suizidalität und mögliche Folgen für Hinterbliebene

Ab sofort steht die Wanderausstellung «Suizid – und dann?» interessierten Organisation für die Ausleihe bereit. Im Auftrag des Vereins Trauernetz durfte phil-rouge bei der Konzeption und Umsetzung der Ausstellungsmodule mitarbeiten. Visuell gestaltet hat die insgesamt 19 Ausstellungspanels der Fotograf und Grafiker Stephan Jungck.

16.10.2018, von Angela von Lerber

Die Wanderausstellung informiert über Suizidalität und die möglichen Folgen für Hinterbliebene. Sie richtet sich an die breite Bevölkerung wie auch an Fachpersonen und beruflich Involvierte, die in ihrem Alltag mit Suizid konfrontiert sind. Im Rahmen des zweijährigen Aktionsplans Suizidprävention des Bundes hat das Bundesamt für Gesundheit BAG die Konzeption und Produktion dieser Ausstellung sowohl finanziell wie auch fachlich unterstützt.

Wie umgehen mit Suizid?

Täglich scheiden in der Schweiz zwei bis drei Personen freiwillig aus dem Leben. Darüber hinaus werden tagtäglich bis zu dreissig Personen nach einem missglückten Suizidversuch medizinisch betreut. Wäre es da nicht unsere Pflicht, sie vor dem vorzeitigen Tod zu beschützen? Dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst soweit kommt? – Oder handelt es sich beim Suizid um den freien Willensentscheids eines selbstverantwortlichen Menschen, den es zu respektieren und zu akzeptieren gilt?

Orientierung für Betroffene und helfende Berufe

Betroffenen Angehörigen bleibt nach dem Schock über das Unfassbare nur letzteres übrig. Für sie beginnt mit dem Suizid ein komplizierter und langer Leidensweg. Sogar in unserer säkularisierten Gesellschaft ist ein Suizid nach wie vor tabubehaftet. Wir wissen nicht, wie damit umgehen, wenn in unserer nächsten Umgebung ein Suizid passiert. Um betroffene Trauernde und ihrem persönlichen Beziehungsumfeld zur Seite zu stehen, hat Jörg Weisshaupt den Verein Trauernetz gegründet, nachdem er viele Jahre sowohl beruflich wie auch ehrenamtlich Betroffene betreut hat. Jörg Weisshaupt war Notfallseelsorger, hat bei der Gründung und Betreuung diverser Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene mitgewirkt, hat zahlreiche Schulungen und Veranstaltungen zum Thema durchgeführt und wirkt mit im Vorstand des Vereins Ipsilon (Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz).

Textpassagen aus dem Buch «Darüber reden – Perspektiven nach Suizid»

Die Wanderausstellung «Suizid – und dann?» enthält unter anderem Texte von Hinterbliebenen aus dem Buch «Darüber reden – Perspektiven nach Suizid», das 2013 im Verlag Johannes Petri erschienen ist.

Kostenfreie Ausleihe beim Verein Trauernetz

Gemeinden, Schulen, Organisationen, Vereine und Unternehmen, die zum Thema Suizid sensibilisieren möchten, können die mobile Ausstellung leihweise beim Verein Trauernetz beziehen. Darüber hinaus unterstützt der Verein Trauernetz interessierte Institutionen bei der Organisation von Fachreferaten, Filmvorträgen, Podiumsdiskussionen oder Schulungen.

Die Ausstellung besteht aus 4 Modulen mit insgesamt 19 Rollups (85cm x 211 cm), die als Gesamtpaket oder modular geliehen werden können. Die Ausleihe ist kostenfrei – für den Transport muss der Veranstalter aufkommen.

Ausleihe Wanderausstellung: Trauernetz

Buchbestellung: «Darüber reden – Perspektiven nach Suizid»

 

Klosterfiechten Architektur für Autismus

Das neue Wohnheim Klosterfiechten

Nüchtern, transparent und unverwüstlich: Klosterfiechten wurde gebaut für Menschen mit Autismus

Im neuen Wohnheim Klosterfiechten von «LIV Leben in Vielfalt» in Basel leben auf zwei Wohngruppen verteilt acht bis zehn Menschen mit einer Autismus-Störung. Es sind Klientinnen und Klienten mit starken Verhaltensauffälligkeiten, die hier ein betreutes Zuhause gefunden haben. Die Architektur ist ganz auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet.

15.5.18, von Angela von Lerber

Die Klientinnen und Klienten von Klosterfiechten werden intensiv und individuell im Alltag begleitet. Tagsüber nutzen sie eines der Tagesstruktur-Angebote von LIV. Verhaltensauffälligkeiten und Aggressionen erhalten Raum, damit sie reflektiert und verstanden werden können. Transparente Strukturen bringen Orientierung und Stabilität in die Alltagsbewältigung. Ziel der Begleitung ist es, mit Klientinnen und Klienten Handlungsstrategien für den Umgang mit ihrer Informationsverarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung zu entwickeln.

Autisten verarbeiten Reize anders

Klosterfiechten vandalensichere Möblierung

Die Möblierung: Gelungener Kompromiss zwischen «vandalensicher» und «wohnlich»

Die Ausprägungen im Spektrum Autismus sind sehr verschieden. Was allen Autisten gemeinsam ist: Sie sind in ihrer Informationsverarbeitung beeinträchtigt. Alltägliche Reize wie Licht, Lärm, Informationen oder optische Eindrücke können zu grossem Stress führen. Menschen mit autistischer Wahrnehmung müssen im Chaos der auf sie einstürzenden Sinneseindrücke ständig Ordnung schaffen, womit sie schnell einmal überfordert sind. Die erlebten Irritationen können zu starken Verhaltensauffälligkeiten wie Ordnungszwang, Ticks, Selbstverletzungsgefahr oder zu aggressiven Ausbrüchen führen.

Klosterfiechten bietet Menschen mit Autismus optimale Rahmenbedingungen

Medikamente können helfen, die Begleiterscheinungen von Autismus zu lindern. Autismus zu heilen vermögen sie nicht. LIV verfolgt deshalb einen agogischen Ansatz. Das Ziel ist, Autismus besser zu verstehen, um mit den Betroffenen Strategien zur Bewältigung ihres Alltags zu entwickeln. Dazu braucht es geeignete Rahmenbedingungen. Im neuen Wohnheim Klosterfiechten sind diese nun optimal gegeben.

«Ich wünschte mir, es gäbe in allen Regionen der Schweiz bedarfsgerechte Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Autismus. So müssten sie nicht aus ihrem Umfeld gerissen werden. Die sozialen Kontakte zum nahen Umfeld sind sehr wichtig.» Martina Bötticher, Geschäftsführerin LIV

Die wichtigsten Anforderungen an den Neubau Klosterfiechten

Im Vorfeld formulierte ein internes Projektteam ein umfangreiches Bündel an Anforderungen an den Neubau mit folgenden Hauptkriterien:

  • Sicherheit und Vermeidung von Verletzungsgefahr
  • eine robuste und strapazierfähige Ausstattung
  • möglichst geringe Reizeinwirkung
  • einfache Orientierung
  • zentrale Organisation für die Mitarbeitenden

Intensive Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung

Gewonnen hat die Ausschreibung die ARGE Beer+Merz Architekten zusammen mit Stump&Schibli Architekten. Bereits im Wettbewerb hatte die engagierte Architektengemeinschaft eine Autismus-Fachperson beigezogen. Vieles, was ihnen in dieser Phase nahegelegt wurde – zum Beispiel die Abgrenzung von Räumen durch verschiedene Bodenbeläge – führte schliesslich zu einer völlig anderen Lösung, die aber trotzdem funktionierte. Entscheidend war, dass die Architekten die Vorgaben von LIV sehr ernst nahmen und sich immer wieder fragten: Wie bewegen sich diese Menschen? Wie leben sie? Weshalb stehen diese Aspekte im Projektprogramm? Wo überall braucht es Brüstungen? Warum dürfen die Fenster nur so und so gross sein?

«Die schlaue Lösung für eine besondere Aufgabe wie diese kann man nur zusammen mit den Nutzern finden.» Yves Stump, Architekt, Stump & Schibli Architekten

Getrennte Eingänge, kurze Wege

Aufgang Wohnheim Klosterfiechten

Getrennte Eingänge vermeiden Konflikte und sorgen für Klarheit

Aus dem Hinweis, beim Zugang zur Wohneinheit sei es in der Vergangenheit immer wieder zu Stressmomenten gekommen, haben die Architekten das Raumgefüge abgeleitet: je ein separater Zugang zu den Wohngruppen, und die Dienstzimmer für die Mitarbeitenden auf der gleichen Etage zwischen den beiden Wohneinheiten angeordnet. Auch über den Nachtdienst und mögliche Fluchtwege diskutierten die Architekten stundenlang, bis die perfekte Lösung gefunden war. Auf externe Besucher mag diese Lösung introvertiert wirken. Doch genau dieses Umhüllende schafft Sicherheit. Das Raumgefüge ist einfach und klar in der Zuordnung und bedarf keiner Erklärung: Die Klienten betreten das Gebäude über ein Entree, wo für jeden das eigene Garderobenkästchen bereitsteht. Von dort führt eine Treppe hoch, an deren Ende sie «ankommen» und ohne Ballast in den Wohnbereich eintauchen können.

Entspannung für Wohngruppenleiter und Klienten

Wohngruppenleiterin Anika Spiegelhalter schätzt am Neubau, dass sich jetzt alles auf einer Ebene abspielt: «War man im alten Gebäude auf sich allein gestellt mit einer Person, die gerade einen aggressiven Ausbruch hatte, können wir uns jetzt, wo alles auf der gleichen Etage ist, im Krisenfall gegenseitig schnell zu Hilfe eilen. Als Mitarbeiterin fühle ich mich dadurch viel sicherer.» Die Krisenhäufigkeit in den neuen Räumlichkeiten hat stark abgenommen.

Klare Orientierung, weniger Irritation

Klosterfiechten rerizarme Wohnräume

Eine schallschluckende Decke und gedämpftes Licht schaffen eine reizarme Atmosphäre

Auch Wohngruppenleiter Patrick Teifel stellt fest, dass es kaum noch problematische Ecken und Winkel gibt: «Man kann eigentlich überall ausweichen.» Zudem findet er die neue Raumaufteilung übersichtlich. Klienten, die das Bedürfnis nach indirekter Kontrolle haben, könnten nun einfach die Zimmertür offen lassen, um sicher zu sein, dass jemand da ist. Andere beschäftigten sich mit Neuem, würden Spiele holen oder ins Wohnzimmer gehen, um zu schauen, was im Fernseher läuft. Früher habe es einfach zu viele Angriffsflächen gegeben, Dinge zu verschieben, um eine Ordnung herzustellen. Im neuen Setting gebe es nichts mehr zu korrigieren.

Jede Person eine eigene Nasszelle

Auch dass jede Person eine eigene Nasszelle hat, erweist sich als grosser Vorteil, denn verschiedene Klienten können Toilette und Wasserhahn unterschiedlich selbstständig benutzen. Im früheren Gemeinschaftsbad führte dies oft zu Konflikten. Nun kann jeder das Bad so gestalten, wie er mit der Einrichtung umgehen kann.

«Das Agogische, die Sicherheit und die Ordnung. Diese drei Faktoren sorgen für Lebensqualität.» Lambert Schonewille, Leiter Spektrum Autismus bei LIV

Freiraum für die agogische Arbeit

In den neuen Räumlichkeiten kann LIV mit den gleichen Ressourcen für die Klientinnen und Klienten mehr bewirken, da die Architektur enorm zum Stressabbau beiträgt. Die weitgehend selbsterklärende Raumgestaltung, die bessere Orientierung und die Sicherheit sind die entscheidenden Faktoren. Viele Konflikte tauchen gar nicht mehr erst auf. Dadurch sind Freiräume für die agogische Arbeit entstanden, was nicht nur den Klientinnen und Klienten zu Gute kommt, sondern auch den Betreuerinnen und Betreuern.

Das Bauprojekt Klosterfiechten

Weitere Blogbeiträge zu LIV Leben in Vielfalt

Link zu den LIV Jahresberichten

 

Pantomime Yoram Boker an der World Mime Conference 2018

Stelldichein der Pantomimen in Belgrad

Über 70 Teilnehmer aus 21 Nationen trafen sich zur ersten World Mime Conference

27.3.2018, von Angela von Lerber

Welche Bilder gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das Wort Pantomime hören? – Lebende Statuen als Touristenattraktion entlang einer belebten Flaniermeile, ein verstaubtes Theater in irgendeinem Hinterhof oder gähnende Langeweile in halbleeren Zuschauerreihen? Mit solchen Vorurteilen räumt die World Mime Organisation auf. 2004 vom serbischen Mimen Marko Stojanović und seinem israelischen Berufskollegen Ofer Blum ins Leben gerufen, lud die Organisation vom 21. bis 23. März 2018 zur ersten World Mime Conference nach Belgrad.

Pantomime Marko Stojanović

Marko Stojanović, Präsident der World Mime Organisation, begrüsst die Gäste aus aller Welt

Lange haben die beiden Initiatoren davon geträumt, die Bühnenkünstler der Pantomime und des Körpertheaters sowie ihre Ausbildungsstätten und Institutionen aus allen Ecken der Welt an einem Ort zusammenzubringen. Als Termin für das erste Stelldichein der Mimenkunst wählten sie den World Mime Day vom 22. März, der gleichzeitig der Geburtstag des wohl weltbekanntesten Mimen Marcel Marceau ist. Über 70 Teilnehmer aus 21 Ländern sind dem Ruf nach Belgrad gefolgt – einige per live Zuschaltung über Skype.

Eine Stimme für die leisen Töne der Pantomime

In seiner Ansprache bringt Vizepräsident Ofer Blum das Anliegen des Zusammentreffens auf den Punkt:

«Wir wollen die Pantomime vom Stigma der Antiquiertheit befreien und aufzeigen, welches Potenzial diese Kunstform in sich trägt.» (Ofer Blum)

Die vom Hunter College New York zugeschaltete Theater-Professorin Mira Felner bestätigt seine Diagnose: unter den neuen Studenten am Hunter College kannte gemäss Umfrage nur eine einzige Studentin aus Frankreich den Namen des wohl weltbekanntesten Mimen Marcel Marceau. Höchste Zeit also, diesen Tatbestand zu ändern.

Teilnehmer aus vier Kontinenten

Preisträger Carlos Martínez erzählt aus seinem Schaffen

Die Teilnehmer der ersten World Mime Conference kamen aus Nord-, West- und Osteuropa, den USA, Kolumbien, Brasilien, Japan, China, Bangladesch und Sri Lanka. Eine ansehnliche Gruppe stammte aus Serbien, wo der lokale Organisator Marko Stojanović seit Jahren sein Netzwerk aufbaut und pflegt. Nebst der jährlichen Preisvergabe für besondere Verdienste in der Welt der Pantomime erwartete die Teilnehmer ein dicht gedrängtes Programm. Die Grenzen der Pantomime wurden auslotet und eifrig diskutiert. Wenn man sich auch nicht immer einig war, wo Pantomime aufhört und moderner Tanz anfängt – in einem Punkt stimmte man überein: Die Pantomime hat sich weiter entwickelt und vermag viel mehr zu bewirken, als gemeinhin angenommen wird.

 

Verleihung der World Mime Awards

World Mime Conference 2018

Verleihung des World Mime Awards 2018

Schon in früheren Jahren hat die World Mime Organisation einen Preis für besondere Verdienste im Bereich der Pantomime vergeben. Diesem Jahr waren es gleich fünf Preise, die an Bühnenkünstler oder Institutionen vergeben wurden. Einen davon erhielt der spanische Mime Carlos Martínez, der auch in der Kleinkunstszene der Schweiz kein Unbekannter ist und seit bald vier Jahrzehnten mit seinen Soloprogrammen auf den Bühnen der Welt tourt. Die weiteren Preisträger waren:

Pantomime Theater Shalikashvili

Amiran Shalikashvili jr. präsentiert den spektakulären Neubau, den das staatliche Pantomime-Theater von Georgien in Tiflis plant.

Kaleidoskop der Pantomime

Über die Bühne hinaus eignet sich die Pantomime als grossartiges Instrument zur Inklusion von benachteiligten oder körperlich beeinträchtigen Menschen. Die Arbeit mit dem Körper wie das gemeinsame Erleben und Auf-der-Bühne-stehen stärken das Selbstwertgefühl. Aus naheliegenden Gründen pflegt insbesondere die Gehörlosencommunity die Kunst der Pantomime. Lepa Petrović, Leiter der Gehörlosenschule in Belgrad, Julijana Lekić von der serbischen Vereinigung der Gebärdendolmetscher und der gehörlose Mime Ivan Beader erzählten von Pantomime-Projekten unter Gehörlosen. Auf besonderes Interesse stiess die Idee, gemeinsame Bühnenprojekte mit Gehörlosen und Hörenden zu realisieren – endlich auf gleicher Augenhöhe. Mime Nemo aus Deutschland wiederum berichtete, wie er mit seinem Projekt Mime Art for Life mit Workshops in den Townships von Südafrika das Selbstbewusstsein der Jugendlichen stärkt, und sie mit auf Tournee nimmt. Auch mit Behindertenorganisationen arbeitet er zusammen:

«Es braucht viel Geduld. Aber wenn ich für kurze Zeit in der Welt eines Autisten zu Gast sein durfte, fühle ich mich reich beschenkt.» (Nemo alias Wolfgang Neuhausen)

Als Tanz- und Bewegungstherapeut arbeitet Miodrag Kastratović mit Paraplegikern und Menschen mit einer körperlichen Behinderung. Seit vielen Jahren engagiert er sich für die Durchführung von Paradance-Meisterschaften. Erst durch die Begegnung mit dem Gründer der World Mime Organisation wurde ihm nach 35 Jahren Tätigkeit bewusst, dass es eigentlich nicht Tanz war, was er hier praktizierte, sondern Pantomime. Er ist überzeugt – und die Therapieerfolge geben ihm recht: «Pantomime ist besser als jede Medizin.»

Weitere Referate und Präsentationen beleuchteten den künstlerlischen Aspekt der Pantomime zu folgenden Themen:

  • Pantomime und Tanz
  • Die Zukunft der Pantomime als Kunstform und Erwerbsmöglichkeit
  • Pantomime als Curriculum im Rahmen der Hochschulbildung

Nachwuchsförderung

Pantomime Yoram Boker

Yoram Boker aus Tel Aviv erklärt den Einsatz von Masken

Nicht zu kurz kam auch das Lernen und Umsetzen an diesen Tagen. Altgediente Meister der Szene waren angereist, um einen Einblick in ihr Wirken zu geben: so Yoram Boker, der noch im hohen Alter in Tel Aviv an der Universität lehrt, oder Ella Jaroszewicz, die Witwe Marcel Marceaus und ehemaliges Mitglied der Truppe Tomaszewskis. 1974 hatte sie in Paris ihr eigenes Ausbildungsinstitut für Körpertheater eröffnet.

Pantomime: Grande dame Ella Jaroszewicz

Ella Jaroszewicz erhielt den World Mime Award für ihr Lebenswerk

Mit Stanislaw Brosowski war ein weiterer Meister des Körpertheaters nach Belgrad gereist – auch er ein ehemaliger Schüler Tomaszewskis. Brosowski unterrichtet an der Hochschule für Künste in Stockholm und lehrt angehende Schauspieler, auf der Bühne nicht nur ihre Stimme, sondern auch den Körper einzusetzen.

Abgerundet wurde die Konferenz mit einem Nachwuchswettbewerb und praktischen Workshops.

Der Blick zurück: ein Blick in die Zukunft?

Längst nicht jeder Wort- oder Bühnenbeitrag lässt sich in einer Rückschau auf die dichten drei Tage würdigen. Was bleibt, ist Staunen, wie vielfältig die universale Kunstform der Pantomime ist, und an vielen Orten in aller Welt sie nach wie vor auf höchstem Niveau gepflegt wird.

Wurden die bekannten französischen Mimen wie Jacques Lecoq, Etienne Decroux und Marcel Marceau oder der Pole Henryk Tomaszewski in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Stars gefeiert, hat die Pantomime heute einen schweren Stand im Schatten des modernen Theaters oder der unterhaltenden Comedy. Die Mimen von damals setzten ihrer Zeit einen Standpunkt entgegen: Vor dem Hintergrund sozialer Spannungen, Kriegsrhetorik oder auch Dekadenz brachten sie die leisen, menschliche Regungen zum Klingen. Wo Worte wirkungslos blieben oder erst gar nicht geduldet wurden, appellierte die Pantomime an die Mitmenschlichkeit. Ob es ihr gelingt, sich diese Rolle in der Gegenwart zurückzuerobern? Das Zusammentreffen zur World Mime Conference könnte ein erster Anfang sein.

Zur englischsprachigen Version dieses Beitrags auf der Website der World Mime Organisation.

Zum Live-Stream der Konferenz:

 

Weihnachtsgedanken 2017

21.12.2017, von Angela von Lerber

Ziemlich genau vor einem Jahr waren die Schweizer Bergseen schwarzgefroren. Die spiegelglatte Fläche und ihr geheimnisvolles Singen lockten Hunderte aufs Eis. Schon nach wenigen Tagen durchzogen unzählige Schleifspuren den See.

Weihnachtsgedanken phil-rouge 2017

Schwarzeis auf dem St. Moritzersee

Ähnlich zeigt sich im Rückblick das Jahr: Was vor einigen Monaten noch makellos vor uns lag, trägt heute sichtbare Spuren. – Lässt sich beim Zurückschauen ein gradliniger Weg ausmachen oder verlaufen die Spuren kreuz und quer wie auf dem St. Moritzersee? Sind es zufällige Spuren, gewollte oder minutiös geplante? – Der Jahreswechsel erinnert uns daran, dass wir immer wieder neu anfangen können. Ich finde das eine grossartige Einrichtung.

Danke, für die Spuren, die wir im vergangenen Jahr gemeinsam ziehen oder gegenseitig hinterlassen durften. Ich freue mich auf unberührtes Terrain, wenn wir uns nächstes Jahr wieder aufs Eis hinaus wagen.

Schöne Festtage und auf weiterhin gute Zusammenarbeit!

Generationenübergreifende Nachbarschaftshilfe als Zeitvorsorge

Zeitvorsorge: Wir bestimmen, wie wir alt werden wollen

Wie das System der Zeitvorsorge die Problematik der Überalterung abfedern will

4.12.2017, von Angela von Lerber

Wir werden immer älter. Wenn im Laufe der nächsten 15 Jahre die geburtenstärksten Jahrgänge der Babyboomer das Pensionsalter erreichen, ist ihre Lebenserwartung so hoch, wie bei keiner Generation vor ihnen. In der Schweiz haben Männer bei Eintritt ins Pensionsalter im Schnitt noch 19,8 Jahre vor sich – Frauen gar 22,6. Und in der Regel erfreuen sie sich noch etwa 15 Jahre lang einer guten Gesundheit. Erst ab dem 80sten Altersjahr sind sie zunehmend auf Unterstützung im Alltag oder auf Pflege angewiesen.

Immer mehr Menschen im Pensionalter

Das ist erfreulich, wäre damit nicht ein dramatischer Anstieg des Altersquotienten in unserer Bevölkerung verbunden. Gemäss Hochrechnungen des Bundesamtes für Statistik werden in rund dreissig Jahren insgesamt 2,7 Millionen über 65-jährige Menschen in der Schweiz leben. Ihr Anteil in den städtischen Kantonen wird knapp 45 % betragen, während es in den Randregionen aufgrund der Abwanderung der jungen Generation gar über 60 % sein dürften.

Wie wird unsere Gesellschaft damit umgehen?

Mit der steigenden Lebenserwartung nimmt auch die Zahl an unterstützungs- und pflegebedürftigen Menschen zu. Ist unsere Gesellschaft dieser Herausforderung gewachsen? –  Wie viel Finanzierungs- und Betreuungslast lässt sich auf die Schultern der anteilsmässig schwindenden jüngeren Bevölkerung übertragen? Und wie wird unsere Gesellschaft mit diesem Konfliktpotenzial umgehen? Sowohl Junge wie Babyboomer haben allen Grund, besorgt in die eigene Zukunft zu sehen.

Die «AHV-Teenager» sind gefordert

Neben der Lebenserwartung dürfte auch der Beginn und die Dauer der Pflegebedürftigkeit eine wichtige Rolle spielen. Die intergenerationelle Solidarität und Unterstützung könnte den Eintritt ins Pflegeheim hinauszögern und so die explodierenden Kosten dämpfen. Insbesondere die dritte Generation der 60 bis 80-Jährigen, die nicht mehr im Erwerbsleben stehen, jedoch noch gesund und vital sind, könnte hier einen Beitrag leisten, indem sie gegenüber der vierten Generation der Hochbetagten Betreuungsfunktionen übernimmt.

Das Zeitvorsorge-Modell von KISS: Anderen helfen und gleichzeitig für sich selbst vorsorgen

Mit der Idee, dieses „ungenutzte“ Potenzial der Frührentner in die Gesellschaft einzubringen, startete vor acht Jahren der Verein KISS den Aufbau eines Zeitgutschriften-Systems. Seither fördert KISS die Gründung lokaler Zeitvorsorge-Genossenschaften, deren Mitglieder sich gegenseitig und generationenübergreifend Nachbarschaftshilfe leisten und dafür Zeitgutschriften erhalten. Für jede geleistete Zeitgutschrift können die freiwilligen Helfenden bei Bedarf später ihrerseits Unterstützung beziehen. In über zehn Wohngemeinden sind bereits solche Zeitvorsorge-Genossenschaften aktiv und weitere sind im Aufbau.

Ergebnisse einer Begleitstudie

Das soziale Experiment von KISS wurde während der letzten zwei Jahre durch ETH-Professor Theo Wehner und Dr. Stefan Güntert vom Institut für Nonprofit und Public Management der FNHW Basel wissenschaftlich begleitet.  Der Evaluationsbericht liest sich spannend und ist auf der Website der Age-Stiftung einsehbar. Ob es wirklich gelingen kann, mit dem System der Zeitvorsorge eine Art Absicherung fürs Alter aufzubauen, lässt sich in diesem Zeitpunkt noch nicht beantworten. Fest steht, dass die Nachbarschaftshilfe in den bereits gegründeten Genossenschaften funktioniert, und dass sie die generationenübergreifende Solidarität und die soziale Integration stärkt. Kürzlich durfte ich den Arbeits- und Organisationspsychologen Theo Wehner im Auftrag der AXA Stiftung Generationen-Dialog zu den Erkenntnissen aus der Studie befragen. Hier geht es zum Interview.

 

Installation im Schreibhaus von Joelle Valterio

Zur Schreibhaus-Eröffnung in Burgdorf

«Jeder Ort sollte ein Schreibhaus haben», ist Hausherr Ivo Knill überzeugt. Das Schreibhaus bietet, was viele Schreibende vermissen: einen ersten geschützten Resonanzraum für ihre Texte.

12.11.2017, von Angela von Lerber

Letzten Samstag öffnete in Burgdorf das Schreibhaus seine Pforten und lud zum grossen Einweihungsfest. Eine Schreibretraite im Vorfeld liess Texte entstehen, die an diesem Tag erstmals vor Publikum gelesen wurden. Das Schreibhaus bietet, was viele Schreibende vermissen: einen ersten geschützten Resonanzraum für ihre Texte.

Schreibhausmeister Ivo Knill führte die zahlreich angereisten Gäste durchs Haus: Im Keller auf der alten Werkbank warteten lange Packpapierstreifen für Schreibexperimente entlang der eigenen Biografie. Dort, in der ehemaligen Gerberei, begann die Führung mit einer ersten Lesung von Texten, die grösstenteils hier im Haus entstanden sind.

Literatur im Schreibhaus

Das Schreibhaus ist eröffnet

Die nächste Station führte ins Büro, wo der Hausherr selbst arbeitet und schreibt. Im kleinen Pavillon auf der Veranda wartete eine Installation von Joëlle Valterio auf die Gäste. Die Künstlerin hatte in den vergangenen Tagen einen kleinen Zen-Garten geschaffen und mit Steinen und Papierskulpturen belebt. Wispernde Texte umgarnten hier den Besucher.

Weiter führte die Erkundungsreise in die Küche, wo bereits eine warme Suppe vor sich hin köchelte, von da in die gute Stube, die Treppe hoch vors alte Lehrerpult und hinauf zu den Gästezimmern. An jeder Station bekam man frisch geschriebene Texte zu hören. Zum Abschluss las Ivo Knill von oben aus der Estrichluke erste Sätze aus seinem aktuellen Schreibprojekt «Der Himmel meines Bruders».

Schreiben als gemeinschaftlicher Prozess

Mit dem Schreibhaus erfüllt sich der Germanist und Gymnasiallehrer einen langjährigen Traum: eine Schreibstätte, wo Texte ihre Form finden und Literatur eine erste lebendige Öffentlichkeit. Das Schreiben begleitet ihn seit seiner Kindheit. Schreibend reflektiert er persönliche Erlebnisse und erforscht seit vielen Jahren im Freundeskreis einen körperlichen Zugang zur kopflastigen Akt des Schreibens: essend, tanzend und spielerisch. Weg vom einsamen Schreibtisch in die inspirierende Gemeinschaft. Das Schreibhaus will literarische Impulse setzen. Der Hausherr fühlt sich beglückt. Die Geschichten kommen zu ihm. Er darf sie einfach sammeln. So, wie die Geschwistergeschichten der Burgdorfer Kulturnacht vom 21. Oktober, die auf dem Schreibhaus-Blog zu lesen sind.

Ein Rückzugsort zum Schreiben und ein Gegenüber zum Austauschen

«Jeder Ort sollte ein Schreibhaus haben», meint Ivo Knill in seiner Eröffnungsrede. Zwischen den Mauern seines dreihundertjährigen Altstadthauses in Burgdorf, wo früher handfestes Handwerk betrieben wurde – die unteren Räume beherbergten früher eine Schuhmacherwerkstatt, eine Spenglerei, eine Gerberei – zwischen diesen schlummern schon die Geschichten.

Im Dachstock, wo früher die beiden Töchter schliefen, haben Ivo und seine Frau Sonja vier Zimmer für Schreibende eingerichtet. «Write and Be» heisst das Angebot für Gäste. Nicht nur literarische Texte können dort entstehen. Auch Texte für die eigene Website, Diplomarbeiten, Buchprojekte oder Essays. Endlich ein Ort, wo man nicht abgelenkt ist. Der Hausherr steht den Schreibenden zum Zwiegespräch und Reflektieren der Texte zur Verfügung.

Erfolg mit Gefühl: Wie Gefühle uns weiterbringen

Ein Gespräch mit Angelika Borissov zu ihrem neuen Buch

17.10.2017, von Angela von Lerber

Erfolg mit Gefühl – Wie Gefühle uns weiterbringenErfolg mit Gefühl: Wieder ein Rezeptbuch, das uns den sicheren Weg zum Erfolg verspricht? – Nein, das ist es nicht, was Angelika Borissov, die als Business- und Karriere-Coach tätig ist, unter einem erfolgreichen Leben versteht. In ihrem Buch «Erfolg mit Gefühl – Wie Gefühle uns weiter bringen» zeigt die Autorin praktische Wege auf, wie wir uns selbst auf die Spur kommen, indem wir unsere Gefühle – positive wie negative – als Wegweiser für unseren Lebensweg wahrnehmen und nutzen lernen.

In einer digitalisierten Welt, in der alle möglichen Anreize von aussen auf uns einprasseln, hilft uns die Autorin mit einfachen Übungen und Anregungen, uns auf den Weg zu unserer Mitte zu machen. Es ist ein niederschwelliges Buch für jedermann, das zum Reflektieren und Nachfühlen anregt, und aus dessen Themenstrauss man auch einzelne Kapitel herauspicken darf.

Da ich Angelika gegen Ende des Schreibprozesses als Lektorin begleitet habe, lasse ich – statt eine Rezension zu schreiben – die Autorin selbst zu Wort kommen:

Angelika, du hast mehrere Jahre an deinem Buch gearbeitet. Welches Anliegen steckt dahinter?

In einer Welt, in der alles immer technischer und digitaler wird, hat die eigene Gefühlswelt immer weniger Platz. Doch zu uns selbst finden wir über unsere Gefühle. Die Gefahr in der digitalen Welt besteht darin, dass wir uns von uns selbst entfremden. Das Denken und viele Entscheidungen werden uns allzu leicht abgenommen. Wir funktionieren dann nur noch nach dem digitalen Diktat. Mir ist wichtig, dass die Menschen auch die anderen Ebenen wieder mehr pflegen.

Wer soll dein Buch Erfolg mit Gefühl lesen, wer sind deine Wunschleser?

Ich spreche Menschen an, die neugierig und offen sind, die sich im Leben weiter entwickeln und auch etwas dafür tun wollen. Besonders möchte Ich auch jüngere Leser ansprechen, die gerade dabei sind, ihren Berufsweg zu definieren und in dieser Phase den Zugang zu sich selbst und die eigenen Vorlieben ausloten möchten. Ursprünglich plante ich ein Buch, das sich nur um die Berufswelt dreht. Doch im Grunde ist es ein Buch für den Alltag, Das Anliegen, offener zu werden, seine Antennen auszufahren und sich gleichzeitig nach innen mit den eigenen Gefühlen zu verbinden, betrifft das Leben an sich.

Inwiefern bezieht sich Erfolg mit Gefühl auf deine Tätigkeit als Business-und Karriere-Coach?

Praktisch jedes Mal, wenn ich mit Menschen arbeite, kommen wir bei der Frage nach dem Ursprung von Konflikten und anderen Schwierigkeiten  an den Punkt, wo wir gemeinsam feststellen: Das hat mit Emotionen und Gefühlen zu tun. Auch wenn diese auf den ersten Blick gar nicht als solche wahrgenommen werden. Sie sind versteckt. Trotzdem beeinflussen sie die Art, wie jemand ans Leben herangeht und wie das Leben glückt. Oft kommt man über die Gefühle viel schneller zu den Lösungen – und sogar nachhaltiger.

Wann und wie entstand die Idee zu diesem Buch?

Das war vor acht Jahren als Obama gewählt wurde. Ich war begeistert von diesem Mann und fand, dass er eine hohe Kompetenz in Sachen Gefühle gezeigt hat. Schon davor fand ich, dass es an der Zeit wäre, dieses Thema zu bearbeiten. Ich wollte den Leuten etwas in die Hand geben, um selbst an diesem Thema zu arbeiten. Ich bot damals eine Workshop-Serie an, den sogenannten Power Zirkel. Hier erlebten wir, wie viel sich bei einzelnen Teilnehmenden innert kurzer Zeit nachhaltig verändert hatte. Dies bestärkte mich in der Absicht, ein Buch herauszugeben, damit Menschen diese Aspekte für sich verinnerlichen können – auch ohne Workshop.

Welches war die grösste Herausforderung im Entstehungsprozess?

Die grösste Herausforderung war definitiv. dranzubleiben. Ich war zeitweise beruflich so stark ausgelastet, dass ich kaum noch Zeitinseln zum Schreiben fand. So gab es immer wieder längere Unterbrüche. Danach den Faden wieder aufzugreifen, war jedes Mal ein Kraftakt. Das Buch stand in Gefahr, zu einem Flickwerk zu werden.

In der ursprünglichen Version hast du eine erfundene Figur falltypische Episoden durchlaufen lassen. Nun gibst du stattdessen viel Persönliches aus deinem eigenen Leben preis. Für mich hat das Buch dadurch viel an Glaubwürdigkeit gewonnen. Andererseits lässt du die Leser damit sehr nahe an dich herankommen. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Grundsätzlich habe ich damit nur positive Erfahrungen gemacht. Ich glaube, die Menschen schätzen das sehr und finden dadurch einen besseren Zugang zum Thema. Ich musste natürlich die richtige Balance finden. Wie viel möchte ich wirklich preisgeben was nicht? Mit der Endversion fühle ich mich nun sehr gut. Wir sind alle Menschen und jeder hat seine Themen. Wenn ich mich öffne, können andere sich ebenfalls öffnen – auch sich selbst gegenüber.

Wann wusstest du, jetzt ist das Buch fertig?

Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich war es ja nie fertig. Es gibt immer noch Verbesserungspotenzial – sei es technisch oder für ein besseres Verständnis. Gegen das Ende hin hat mein Mann mich gerne hochgenommen. Mindestens drei Mal hatte ich schon euphorisch verkündet: Jetzt bin ich endlich fertig mit meinem Buch. Um dann ein paar Wochen später zu sagen: Nein, es ist doch noch nicht fertig. Aber es kam ein Punkt, als klar war: Jetzt ist es inhaltlich und folgerichtig abgerundet. Das Buch sagt aus, was ich zu sagen habe.

Du hast dein Buch Ende Juni im Eigenverlag auf Amazon veröffentlicht. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Offen gestanden habe ich mich noch richtig nicht mit den Verkäufen befasst. Es gab auch Leute, die mich nach anderen Kanälen fragten, weil sie aus Prinzip nicht bei Amazon kauften. Inzwischen ist es dort nicht nur als e-Book, sondern auch als Taschenbuch erhältlich. Ich arbeite gerade an einer Lösung, unter anderem mit books.ch. Grundsätzlich freue ich mich immer über Feedback und Anregungen. Natürlich hoffe ich gleichzeitig, dass ich viele Likes und positive Kommentare erhalte, sei es auf Amazon oder wo auch immer. Am meisten aber wünsche ich mir, dass dieses Buch viel Positives bewirkt bei meinen Leserinnen und Lesern, dass Menschen mehr beeinflussen können in ihrem Leben und es mit mehr Freude gestalten.

Das Buch von Angelika Borissov ist als e-Book und Taschenbuch auf Amazon.de erhältlich: Erfolg mit Gefühl – Wie Gefühle uns weiter bringen, © 2017 Angelika Borissov

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Musikalisch-komisches Theater mit Nina Dimitri und Silvana Gargiulo

Clownin Silvana Gargiulo und Sängerin Nina Dimitri: Ein ungleiches Duo teilt sich die Bühne

30.3.2017, von Angela von Lerber

Concerto Rumoristico mit Silvana Gargiulo und Nina Dimitri

Silvana Gargiulo und Nina Dimitri

Es gibt trockenere Aufträge, als die Programmtexte für Nina Dimitri und Silvana Gargiulo zu schreiben. Weil die Vorstellungen Spass gemacht haben und die beiden Künstlerinnen ein noch viel breiteres Publikum verdient haben, will ich die Texte hier im Blog teilen. Regie hat übrigens bei beiden Stücken Ueli Bichsel geführt:

«Buon Appetito mit Nina Dimitri und Silvana Gargiulo

Ein musikalisch-lukullischer Leckerbissen, gespickt mit «Comico all‘italiana»

Buon Appetito mit Silvana Gargiulo und Nina Dimitri

Die Köchin und die Gerantin im Element

Willkommen im Ristorante Buon Appetito! Die Kochlöffel schwingt für Sie: Silvana Gargiulo aus Napoli. Ausgestattet mit Kochgewand und Kochmütze malt sie Ihnen verführerische Varianten italienischer Gaumenfreuden vor Augen – gepfeffert mit scharfsinnigen Sprachparodien und garniert mit lustvoll zelebrierter Italianità. Tischreservationen nimmt die mehrsprachige und geschäftstüchtige Gerantin Nina Dimitri entgegen. Mit ihrer kraftvollen, ausdrucksstarken Stimme überstrahlt sie jedes sprachliche Missverständnis. Virtuos und einfühlsam zupft sie die Saiten ihres Charangos und lockt die Küchenchefin aus der Reserve. Silvana stimmt ein mit Schwingbesen und Küchengeräten. Zweistimmig singen die beiden Künstlerinnen Interpretationen bekannter Lieder aus Italien und aller Welt – mal furioso, mal melancolico – doch immer mit einem Augenzwinkern. Die musikalische Vielfalt des Programms wirkt genauso völkerverbindend wie die italienische Küche «alla mamma».

«Concerto Rumoristico» mit Nina Dimitri und Silvana Gargiulo

Ein Seilzieh-Akt zwischen musikalischen Höhenflügen und verquerer Komik

Concerto Rumoristico mit Nina Dimitri und Silvana Gargiulo

Konzert mit Weibern und Gesang

Als stolze Diva schwebt Nina Dimitri über das Parkett. Ausgestattet mit Abendkleid, Perücke und blinkender Federboa beschwört sie die Lebendigkeit Lateinamerikas, die Liebe und die Leidenschaft. Die Sängerin überzeugt mit musikalischer Qualität, doch sympathisch wirkt sie dabei nicht – beansprucht sie doch die ganze Aufmerksam des Publikums für sich allein. Das missfällt der Begleitpianistin Silvana Gargiulo. Gekränkt, dass ihr in diesem Konzert offenbar nur eine Nebenrolle zugedacht ist, erfindet die kleingewachsene Clownin allerlei Tricks, um sich bemerkbar zu machen, schneidet Grimassen, mimt die Primadonna und macht sich so lange am Klavier zu schaffen, bis das Instrument zum Entsetzen der Sängerin zusammenkracht. Fast scheint es, als hätte die Vorstellung den Nullpunkt erreicht. Doch dank Silvanas Findigkeit führt die Katastrophe zur Wende. Sie behilft sich mit einer Kinder-Melodica und spielt herzerweichend darauf. Endlich gelingt es ihr, der ruhmsüchtigen Sängerin ein Lächeln zu entlocken. Singen die beiden endlich im Duett, wird auch dem Publikum warm ums Herz.

Über die beiden Künstlerinnen

Nina Dimitri: Sängerin, Musikerin (Gitarre, Charango) und Komödiantin

Charango-Virtuosin Nina Dimitri

Charango-Virtuosin Nina Dimitri

In jungen Jahren reiste Nina Dimitri nach Bolivien, um das traditionelle Zupfinstrument Charango der Andenregion zu studieren und das südamerikanische Liedgut zu erforschen. Heute tourt sie von Bühne zu Bühne und begeistert mit virtuoser Zupfakrobatik auf diesem Instrument und einer ausdrucksstarken Stimme, die ohne Mikrofon jeden Raum bis in die hintersten Reihen zu füllen vermag. Doch Nina Dimitri wäre nicht die Tochter eines berühmten Clowns, würde sie ihren Auftritt nicht anreichern mit aberwitzigen musikalischen Parodien.
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Silvana Gargiulo: Tragikomische Schauspielerin und Clownin, Regisseurin

Komikerin Silvana Gargiulo

Die vielseitige Komikerin Silvana Gargiuolo

Ein vielsagender Blick, und das Lachen im Saal gehört ihr. Silvana Gargiulo strahlt eine unwiderstehliche Bühnenpräsenz aus. Als tragikomischer Charakter persifliert die kleingewachsene, rundliche Clownin gerne ihre italienische Herkunft, gibt selbstherrlich den Ton an und scheitert an menschlichen Schwächen. Dann wieder bezaubert sie die Zuschauer mit ihrer grazilen Beweglichkeit, die so gar nicht zu ihrer Figur passen will und mit ihrem Gefühl für Rhythmus und Musik. Das Publikum kann nicht anders, als die Komikerin ins Herz zu schliessen. 2015 wurde Silvana Gargiulo nominiert für den Schweizer Kleinkunstpreis.

Künstlerkontakt: Profile-Productions

 

 

Erzählen ist freiwillig, zuhören ist Pflicht im Erzählcafé

Storytelling als Methode in der Altersarbeit

23.3.2017, von Angela von Lerber

Storytelling im Erzählcafé

Das Erzählcafé für Menschen ab 60 Jahren

Storytelling ist in aller Munde. Wer interessiert sich schon für nackte Fakten? Und so sind Kommunikationsprofis denn ständig auf der Jagd nach der ultimativen Geschichte, die anschaulich transportiert, was Sache ist. Doch es gibt ursprünglichere Formen des Storytellings. In der sozialen Arbeit zum Beispiel, wo Menschen im Rahmen von Erzählcafés Vergangenes aufleben lassen und dadurch Momente der Wertschätzung erfahren.

Kürzlich nahm ich als Gast an einem solchen Anlass teil. Gabriela Giger, Altersbeauftragte der Gemeinde Richterswil, bietet seit 2013 Erzählcafés für Personen ab 60 Jahren  an. Da ich für ein eigenes Projekt am Recherchieren war, durfte ich für diesen Nachmittag das Erzählthema einbringen. Die zwei Stunden des kollektiven Erinnerns entpuppten sich für mich als wahre Fundgrube. Doch weit darüber hinaus konnte ich miterleben, wie bereichernd das Erzählen und Zuhören sein kann. Im Interview gibt Gabriela Giger einen Einblick ins Format des Erzählcafés:

Erinnern, erzählen, wertschätzen

Das Interview mit Gabriela Giger, Altersbeauftragte der Gemeinde Richterswil:

Gabriela Giger, was ist das Wesen des Erzählcafés, worum geht es?

Das Erzählcafé ist eine Biografiemethode der sozialen Arbeit. Es sind Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. Menschen kommen zusammen und teilen ihre Erlebnisse zu einem bestimmten Thema. Es geht nicht darum, wer etwas besser weiss oder andere darüber denken. Es wird auch nicht diskutiert, sondern eigene Lebenserfahrungen und erlebte Episoden erzählt. Meine Aufgabe ist es, diese Gesprächsrunden zu moderieren und einen Raum zum Erzählen zu schaffen.

Was hat dich bewegt, ein solches Angebot ins Leben zu rufen?

Ich finde es interessant zu hören, wie unterschiedlich das Leben verlaufen kann, was es bedeutet, dass jemand zum Beispiel als Mann geboren wurde oder als Kind während des Krieges gelebt hat. In diesen Momenten wird mir bewusst: So, wie ich das Leben lebe, ist nur eine Variante von vielen.

An diesem Nachmittag kamen auf 8 Frauen 2 Männer. Ist Erzählen Frauensache?

Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun. Das Alter ist nun einmal weiblich. Es gibt mehr alleinstehende alte Frauen als Männer. Ich glaube aber auch, dass Frauen schon im früheren Lebensalter verstehen, wie wichtig das Erzählen – auch schwieriger Dinge – ist. Die Frauen haben es einfach mehr geübt als die Männer.

Wie kommen die Erzählcafés bei den Teilnehmenden an?

Ich stelle jeweils fest, wie sich im Laufe eines Nachmittags die Stimmung verändert. Diese Lebendigkeit, die aus all den Lebenserfahrungen quillt, lässt die Leute mit einer anderen Mimik hinausgehen als sie gekommen sind. Dass es eben für einmal nicht darum geht, wer besser, schöner, schneller ist, sondern dass jede Erfahrung ihre Gültigkeit hat und nicht bewertet werden muss, tut grundsätzlich jedem gut. Vermutlich wirkt es sogar gesundheitsfördernd. Wenn ich mich mitteilen kann und vom eigenen Leben erzählen, so wie es gewesen ist, mit allem Schwierigen und allem Schönen, wenn ich mich anderen gegenüber öffnen kann, dann hat dies etwas sehr Wohltuendes.

Ist es schwierig, Themen zu finden?

Überhaupt nicht. Jedes Thema eignet sich. Auch Banales, wie etwa „Schuhe“. Weil die Leute etwas erlebt haben und durch die Erzählungen der anderen angeregt werden, ist es überhaupt nicht schwierig. Das Erinnern ist sehr ansteckend! Nehme ich bekannte Weisheiten, Sprichwörter und Redensarten, kann ich noch hundert Jahre Erzählcafé anbieten.

Hast du die Erinnerungen je protokolliert oder aufgenommen, um sie festzuhalten und vor dem Vergessen zu retten?

Das Wesentliche ist, dass jemand in Ruhe erzählen kann. Und dass andere in Ruhe zuhören. Das ist der einfache Trick, warum es funktioniert. Jede und jeder kann etwas beitragen, muss aber nicht. Es gibt keinen Leistungsanspruch. Das Einzige, was man muss, ist zuhören. Das ist in der heutigen Zeit eine grosse Kostbarkeit. Jemand hört mir zu und vermittelt mir das Gefühl, interessant zu sein. Darum geht es.

Mir kam es beim Zuhören vor, als würden wir gemeinsam einen Schatz bergen, der irgendwo in der Versenkung lag. Und dann mussten wir ihn wieder gehen lassen – vielleicht zurück in die Versenkung…

So, wie Erinnerungen eben sind. Interessant ist ja, was wir in Erinnerung behalten und was nicht. Beim Erinnern, sagt man, müsse es eine gefühlsmässige Verbindung geben, damit bestimmte Dinge im Gedächtnis haften bleiben. Insofern handelt es sich bei Erinnerungen um genau diese Perlen. Ich glaube, die halten ewig. Die lassen sich nicht nehmen. Die Frage ist, wie gross dieser Schatz ist und wie oft ich meine Schatzkiste anschauen und sehen kann, was alles drin liegt. Vielleicht bin ich tatsächlich erstaunt, was da alles auch noch liegt. Erzählen ist etwas ganz anderes als schriftliches Festhalten und Konservieren.

Was ist dein Eindruck: Ist Erinnerung etwas, das sich im Laufe der Zeit verfälscht?

Ich kann bei anderen nicht nachprüfen, was verformt ist. Das gelingt mir nicht einmal bei mir. Ich bin aber überzeugt, dass sich mit den Jahren und all den neuen Erfahrungen, die dazukommen, vieles verformt. Ereignisse werden anders ausgewertet und mit anderem verknüpft, sodass sie tatsächlich, wenn man genau nachfragen würde, nicht mehr ganz der Realität entsprechen. Aber ich glaube, dass dies bei Erinnerungen nicht entscheidend ist. Weil es einen persönlichen Grund gibt, warum jemand sich etwas in dieser Art gemerkt hat.  Es hat jetzt diesen Stellenwert, so erzählt zu werden und nicht anders. Und ich bin die Person, die die Kompetenz hat, zu entscheiden, wie ich meine Erinnerung jetzt in Sprache fasse.

Leistest du in Richterswil Pionierarbeit oder gibt es viele solcher Erzählcafés in der Schweiz?

Mit dem Netzwerk Erzählcafé, das entstanden ist, hat sich das Format etabliert. Das Netzwerk wird vom Migros Kulturprozent unterstützt, schliesslich ist es ja auch ein Generationenthema. Jetzt wird erstmals aufgenommen, wo überall in der Schweiz Erzählcafés stattfinden. Ich weiss von Kolleginnen, die dies ebenfalls anbieten. Die Methode lässt sich in unterschiedlichem Kontext brauchen, sei es für eine Kulturgeschichte, für eine Dorfgeschichte, an einem Geburtstagsfest, aber auch zur Bewältigung schwieriger Themen.

Welche Qualifikationen braucht es, um ein Erzählcafé zu moderieren?

Es braucht die Fähigkeit, diese Erzählrunden wirklich zu führen. Das Erzählcafé unterscheidet sich von einer Plauderrunde. Die Moderatorin  bereitet sich thematisch vor, führt das Gespräch und achtet darauf, dass nicht einzelne die ganze Redezeit für sich beanspruchen. Beim Erinnern kommen manchmal auch sehr schlimme Lebenserfahrungen hoch. Als Moderatorin darf ich keine Angst vor aufbrechenden Gefühlen haben, die hier einen Rahmen haben. Ich muss sicher sein im Umgang mit der Gruppe und ein Auge dafür haben, ob es allenfalls nachträglich eine Begleitung braucht. Das sind Qualitäten, die in einem solch herausfordernden  Moment zum Vorschein kommen.

Du hast dich eine Ausbildung gemacht – wo und wie?

Von Beruf bin ich Sozialarbeiterin. Vor ein paar Jahren  hat die reformierte Kirche des Kantons Zürich eine Ausbildung für Erzählcafés angeboten, unter der Leitung von  Lisbeth Herger, die ebenfalls biografisch berufstätig ist und mit dem Erwachsenenbildner Walter Lüssi. Es war eine sehr schöne Lernerfahrung, weil ich das Gelernte gleich anwenden und daraus lernen konnte. Mit all den theoretischen Kenntnissen, die ich hatte, wurde ich direkt in die Rolle des Moderierens geworfen. Durch diese  Art des Lernens konnten wir gemeinsam auswerten, was sich wie bewegt hat, warum sich eine Gesprächsrunde eher schwierig gestaltete und wie es kam, dass ein Thema plötzlich eine ganz andere Richtung nahm, als ich es mir gewünscht hätte.

Seither hat sich Professorin Johanna Kohn an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Soziale Arbeit des Themas angenommen. Die FHNW bietet Fachtagungen zum Thema an und die Universität Freiburg führt bereits zum zweiten Mal ein CAS «Lebenserzählungen und Lebensgeschichten» durch.

Ich stelle fest, dass die Erzählcafés, die sich über Jahre hinweg erfolgreich halten, von Personen durchgeführt werden, die solche Gesprächsrunden von ihrer Fähigkeit und Position her gut anleiten können. Viele denken: «So ein bisschen miteinander Erzählen und Kaffee trinken, das kann ich auch.» Es braucht  mehr, dass es gut funktioniert. Man muss den Leuten einen Raum zum Erzählen zubereiten, in dem sie bei Bedarf auch geschützt sind. Das macht den qualitativen Unterschied aus. Deshalb finde ich es toll, wenn eine Fachhochschule sich dem Thema Erzählcafé in der sozialen Arbeit annimmt.

Weihnachtsgedanken 2016

23.12.2016, von Angela von Lerber

 

Wie schwer tun wir uns doch manchmal, loszulassen. – Daran musste ich denken, als ich diesen Herbst in Kunmings Strassen eine faszinierende Szene beobachtete: Ein Strassen-Kalligraf tauchte seinen riesigen Pinsel in einen Kübel Wasser und malte kunstvolle Schriftschriftzeichen auf den Asphalt.

Kalligrafie und Lebenskunst

Strassen-Kalligraf in Kunming

Umringt von Schaulustigen war er ganz bei der Sache. Nachdem er sein Werk vollendet hatte, stand er lange da und beobachtete, wie die Schrift auf dem Boden Strich um Strich verdunstete und sich in nichts auflöste. Als das letzte Fleckchen Nass entschwunden war, trat er einen Schritt zurück und reichte seinen Pinsel an den nächsten in der Zuschauerrunde weiter.

Ich wünsche uns allen ein befreiendes Abschiednehmen von allem Erlebten, Erreichten und vielleicht auch Erlittenen im vergangenen Jahr. Und eine positive Erwartungshaltung an das, was kommen mag. Auf weitere gute Zusammenarbeit im 2017!