Bücher ohne Worte mit Carlos Martínez

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10.6.14, Casinotheater Winterthur: Carlos Martínez spielt „Bücher ohne Worte“

Text: Angela von Lerber

Carlos Martínez in "Bücher ohne Worte"

Carlos Martínez in „Bücher ohne Worte“

Nicht ein einziges Requisit steht auf der Bühne. Als Kulisse dient ein schwarzer Vorhang, das ist alles. Der Schauspieler: Ein Mann in Schwarz mit weiss geschminktem Gesicht und weissen Handschuhen. Die längste Textpassage: tonlose Stille. Die Souffleuse: überflüssig. Das Mikrophon: ein weisser Lichtkegel, der im richtigen Augenblick die richtige Stelle auf der Bühne ausleuchtet. Hie und da etwas Hintergrundmusik.

Grosses Kopfkino

Obschon ich den Künstler schon oft gesehen habe, staune ich jedes Mal neu, wie er seine Zuschauer in spartanischer Stille eineinhalb Stunden lang zu fesseln vermag. Das Publikum staunt, schmunzelt, lacht. Faszinierend, wie die reduzierte Kunst der Körpersprache die Sinne schärft und ganze Welten erschafft, die sich im Kopfkino der Zuschauer zu Geschichten verdichten.

Die Geschichten sind allesamt schon da

„Bücher ohne Worte“ beginnt mit einem ausgedehnten Besuch in der Bibliothek. Der Pantomime bestaunt Bücherwände, steigt in die Gestelle, greift ins Regal, liest und versinkt in Gedanken… Da! – Don Quijote und Sancho Panza kämpfen gegen Windmühlen, Dr. Jekyll verwandelt sich auf der Bühne in Mr. Hide, Graf Drakula treibt sein dunkles Unwesen, derweil Sherlock Holmes und James Bond ihre Bösewichte jagen … Dank wenigen präzis platzierten Gesten erkennen wie unsere Helden sofort. Denn die herzergreifenden, schaurigen und tragikomischen Gestalten schlummern irgendwo abrufbereit in unserem Gedächtnis.

Subtiles in Schwarz und Weiss

Persönlich gefallen mir die surrealen eigenen Geschichten von Carlos Martínez am besten: Der winzige imaginäre Ball, der im Verlauf des Stücks immer grösser wird – zuerst zur Freude des übermütigen Spielers. Bis er die Kontrolle verliert. Der Ball wächst und wächst, und droht den Mimen zu erdrücken, stösst ihn weg, bis plötzlich die Ballhaut durchlässig wird und den Künstler in sich verschluckt. Danach tastet er von innen entlang der Wand des Balls, der – oh Schreck – auf einmal dramatisch schrumpft und den Mimen zu ersticken droht …

Subtiles in Schwarz-Weiss: bei Carlos Martínez scheint dies kein Widerspruch zu sein.