Klosterfiechten Architektur für Autismus

Das neue Wohnheim Klosterfiechten

Angela von Lerber
Folge mir

Angela von Lerber

Angela von Lerber ist das Gesicht hinter phil-rouge: Sie konzipiert, schreibt und kreiert Content für On- und Offline-Publikationen.
Angela von Lerber
Folge mir

Letzte Artikel von Angela von Lerber (Alle anzeigen)

Nüchtern, transparent und unverwüstlich: Klosterfiechten wurde gebaut für Menschen mit Autismus

Im neuen Wohnheim Klosterfiechten von «LIV Leben in Vielfalt» in Basel leben auf zwei Wohngruppen verteilt acht bis zehn Menschen mit einer Autismus-Störung. Es sind Klientinnen und Klienten mit starken Verhaltensauffälligkeiten, die hier ein betreutes Zuhause gefunden haben. Die Architektur ist ganz auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet.

15.5.18, von Angela von Lerber

Die Klientinnen und Klienten von Klosterfiechten werden intensiv und individuell im Alltag begleitet. Tagsüber nutzen sie eines der Tagesstruktur-Angebote von LIV. Verhaltensauffälligkeiten und Aggressionen erhalten Raum, damit sie reflektiert und verstanden werden können. Transparente Strukturen bringen Orientierung und Stabilität in die Alltagsbewältigung. Ziel der Begleitung ist es, mit Klientinnen und Klienten Handlungsstrategien für den Umgang mit ihrer Informationsverarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung zu entwickeln.

Autisten verarbeiten Reize anders

Klosterfiechten vandalensichere Möblierung

Die Möblierung: Gelungener Kompromiss zwischen «vandalensicher» und «wohnlich»

Die Ausprägungen im Spektrum Autismus sind sehr verschieden. Was allen Autisten gemeinsam ist: Sie sind in ihrer Informationsverarbeitung beeinträchtigt. Alltägliche Reize wie Licht, Lärm, Informationen oder optische Eindrücke können zu grossem Stress führen. Menschen mit autistischer Wahrnehmung müssen im Chaos der auf sie einstürzenden Sinneseindrücke ständig Ordnung schaffen, womit sie schnell einmal überfordert sind. Die erlebten Irritationen können zu starken Verhaltensauffälligkeiten wie Ordnungszwang, Ticks, Selbstverletzungsgefahr oder zu aggressiven Ausbrüchen führen.

Klosterfiechten bietet Menschen mit Autismus optimale Rahmenbedingungen

Medikamente können helfen, die Begleiterscheinungen von Autismus zu lindern. Autismus zu heilen vermögen sie nicht. LIV verfolgt deshalb einen agogischen Ansatz. Das Ziel ist, Autismus besser zu verstehen, um mit den Betroffenen Strategien zur Bewältigung ihres Alltags zu entwickeln. Dazu braucht es geeignete Rahmenbedingungen. Im neuen Wohnheim Klosterfiechten sind diese nun optimal gegeben.

«Ich wünschte mir, es gäbe in allen Regionen der Schweiz bedarfsgerechte Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Autismus. So müssten sie nicht aus ihrem Umfeld gerissen werden. Die sozialen Kontakte zum nahen Umfeld sind sehr wichtig.» Martina Bötticher, Geschäftsführerin LIV

Die wichtigsten Anforderungen an den Neubau Klosterfiechten

Im Vorfeld formulierte ein internes Projektteam ein umfangreiches Bündel an Anforderungen an den Neubau mit folgenden Hauptkriterien:

  • Sicherheit und Vermeidung von Verletzungsgefahr
  • eine robuste und strapazierfähige Ausstattung
  • möglichst geringe Reizeinwirkung
  • einfache Orientierung
  • zentrale Organisation für die Mitarbeitenden

Intensive Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung

Gewonnen hat die Ausschreibung die ARGE Beer+Merz Architekten zusammen mit Stump&Schibli Architekten. Bereits im Wettbewerb hatte die engagierte Architektengemeinschaft eine Autismus-Fachperson beigezogen. Vieles, was ihnen in dieser Phase nahegelegt wurde – zum Beispiel die Abgrenzung von Räumen durch verschiedene Bodenbeläge – führte schliesslich zu einer völlig anderen Lösung, die aber trotzdem funktionierte. Entscheidend war, dass die Architekten die Vorgaben von LIV sehr ernst nahmen und sich immer wieder fragten: Wie bewegen sich diese Menschen? Wie leben sie? Weshalb stehen diese Aspekte im Projektprogramm? Wo überall braucht es Brüstungen? Warum dürfen die Fenster nur so und so gross sein?

«Die schlaue Lösung für eine besondere Aufgabe wie diese kann man nur zusammen mit den Nutzern finden.» Yves Stump, Architekt, Stump & Schibli Architekten

Getrennte Eingänge, kurze Wege

Aufgang Wohnheim Klosterfiechten

Getrennte Eingänge vermeiden Konflikte und sorgen für Klarheit

Aus dem Hinweis, beim Zugang zur Wohneinheit sei es in der Vergangenheit immer wieder zu Stressmomenten gekommen, haben die Architekten das Raumgefüge abgeleitet: je ein separater Zugang zu den Wohngruppen, und die Dienstzimmer für die Mitarbeitenden auf der gleichen Etage zwischen den beiden Wohneinheiten angeordnet. Auch über den Nachtdienst und mögliche Fluchtwege diskutierten die Architekten stundenlang, bis die perfekte Lösung gefunden war. Auf externe Besucher mag diese Lösung introvertiert wirken. Doch genau dieses Umhüllende schafft Sicherheit. Das Raumgefüge ist einfach und klar in der Zuordnung und bedarf keiner Erklärung: Die Klienten betreten das Gebäude über ein Entree, wo für jeden das eigene Garderobenkästchen bereitsteht. Von dort führt eine Treppe hoch, an deren Ende sie «ankommen» und ohne Ballast in den Wohnbereich eintauchen können.

Entspannung für Wohngruppenleiter und Klienten

Wohngruppenleiterin Anika Spiegelhalter schätzt am Neubau, dass sich jetzt alles auf einer Ebene abspielt: «War man im alten Gebäude auf sich allein gestellt mit einer Person, die gerade einen aggressiven Ausbruch hatte, können wir uns jetzt, wo alles auf der gleichen Etage ist, im Krisenfall gegenseitig schnell zu Hilfe eilen. Als Mitarbeiterin fühle ich mich dadurch viel sicherer.» Die Krisenhäufigkeit in den neuen Räumlichkeiten hat stark abgenommen.

Klare Orientierung, weniger Irritation

Klosterfiechten rerizarme Wohnräume

Eine schallschluckende Decke und gedämpftes Licht schaffen eine reizarme Atmosphäre

Auch Wohngruppenleiter Patrick Teifel stellt fest, dass es kaum noch problematische Ecken und Winkel gibt: «Man kann eigentlich überall ausweichen.» Zudem findet er die neue Raumaufteilung übersichtlich. Klienten, die das Bedürfnis nach indirekter Kontrolle haben, könnten nun einfach die Zimmertür offen lassen, um sicher zu sein, dass jemand da ist. Andere beschäftigten sich mit Neuem, würden Spiele holen oder ins Wohnzimmer gehen, um zu schauen, was im Fernseher läuft. Früher habe es einfach zu viele Angriffsflächen gegeben, Dinge zu verschieben, um eine Ordnung herzustellen. Im neuen Setting gebe es nichts mehr zu korrigieren.

Jede Person eine eigene Nasszelle

Auch dass jede Person eine eigene Nasszelle hat, erweist sich als grosser Vorteil, denn verschiedene Klienten können Toilette und Wasserhahn unterschiedlich selbstständig benutzen. Im früheren Gemeinschaftsbad führte dies oft zu Konflikten. Nun kann jeder das Bad so gestalten, wie er mit der Einrichtung umgehen kann.

«Das Agogische, die Sicherheit und die Ordnung. Diese drei Faktoren sorgen für Lebensqualität.» Lambert Schonewille, Leiter Spektrum Autismus bei LIV

Freiraum für die agogische Arbeit

In den neuen Räumlichkeiten kann LIV mit den gleichen Ressourcen für die Klientinnen und Klienten mehr bewirken, da die Architektur enorm zum Stressabbau beiträgt. Die weitgehend selbsterklärende Raumgestaltung, die bessere Orientierung und die Sicherheit sind die entscheidenden Faktoren. Viele Konflikte tauchen gar nicht mehr erst auf. Dadurch sind Freiräume für die agogische Arbeit entstanden, was nicht nur den Klientinnen und Klienten zu Gute kommt, sondern auch den Betreuerinnen und Betreuern.

Das Bauprojekt Klosterfiechten

Weitere Blogbeiträge zu LIV Leben in Vielfalt

Link zu den LIV Jahresberichten