Identität: Eine Erkundungsreise zum eigenen Selbst

Angela von Lerber
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Ausstellung «Wer bin ich?» im Vögele Kultur Zentrum

Identität: Wer bin ich?Die Ausstellung «Wer bin ich», im Vögele Kultur Zentrum zeigt ein schillerndes Kaleidoskop an Betrachtungen zum Thema Identität. Als Besucherin tauche ich ein in ein 360-Grad-Universum der menschlichen Persönlichkeit. Am Ende der Entdeckungsreise sind meine Sinne vollgesaugt mit bewegenden Eindrücken und Denkanstössen. Doch das, was jeden einzelnen von uns ausmacht, bleibt mir ein Geheimnis und ein umso grösseres Wunder.

Text: Angela von Lerber

«Wer bin ich? Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?»

Ausstellung IdentitätIch begebe mich zum Eingang, wo ich einen grünen Pass erhalte, in den ich Namen, Vornamen, Geburtsdatum und Nationalität eintrage – ergänzt mit Geschlecht, Augenfarbe, Haarfarbe und Grösse. Ich bin jetzt jemand. Von da aus führt mich die weisse Spur am Boden durch die Ausstellung. Ob ich auf dieser Erkundungsreise mir selbst begegne? – Vielleicht.

Ganz sicher aber werde ich den unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Persönlichkeitsmerkmalen gegenüberstehen. Zum Beispiel den schwer unterscheidbaren Charakterzügen eineiiger Zwillingspaaren. Oder der Mutter eines transsexuellen Kindes, das schon als zweijähriger Junge beginnt,  gegen das angeborene Geschlecht aufzubegehren. Ich schaue mir ein Filmprojekt an, bei dem Touristen und Flüchtlinge auf Lesbos sich auf eine persönliche Begegnung einlassen. Der Weg führt mich vorbei an Schicksalen, von Checkpoint zu Checkpoint, bis ich im Spiegelkabinett der Psyche ankomme. «Bin ich, wer ich sein möchte?», empfängt mich der Schriftzug über dem letzten Ausstellungraum.

Das Ausstellungskonzept

Die beiden Kuratoren, Pia Marti und Jon Bollmann, beleuchten die menschliche Identität in ihren vielfältigsten Facetten: Was steckt als Anlage bereits fest in unseren Genen? Bestimmen die Sterne unser Geschick oder sind es Herkunftsfamilie und Kultur, in die hinein wir geboren wurden? Prägen einschneidende Lebensereignisse unsere Identität, oder liegt es in unserer eigenen Hand, wie wir unser Selbst ausgestalten?

Zahlreiche Forscher sind sich heute einig, dass vererbte Eigenschaften und äussere Einflüsse sich gegenseitig beeinflussen. Indem wir uns selbst reflektieren und mit der Umwelt interagieren, erschafft sich das Ich immer wieder neu. Die Ausstellungsmacher laden uns ein, uns dieser Komplexität zu stellen. Von Checkpoint zu Checkpoint führen sie uns durch sieben Teilaspekte unserer Identität:

  1. Beginn des Lebens: Dass wir überhaupt entstanden sind, bleibt ein Mysterium.
  2. Herkunft: Die ersten Lebensjahre verbringen wir mit der Familie, in die wir hineingeboren wurden. Dies formt unsere Identität ganz wesentlich.
  3. Kultur: Die Gesellschaft, in die hinein wir geboren wurden, prägt unsere Werte, unsere Traditionen, die Sprache, Religion und Sitten.
  4. Nationalität: Die Geografie, das Heimatgefühl, die politischen Machtkonstellationen sowie Mythen und Legenden unseres Landes bestimmen unsere Wurzeln.
  5. Körper: Unser Aussehen und der Körper sind Teil unserer Identität. Sie verändern sich ständig durch Wachstum, Eingriffe, Unfälle, Krankheiten und das Altern.
  6. Status: Der Wunsch nach Status widerspiegelt unsere Sehnsucht nach Anerkennung.
  7. Psyche: Die Psyche ist das Unfassbarste und dennoch der innerste Kern unserer Identität.

«Erkenne dich selbst!»

Empfangen werden wir als Besucher mit den Worten des Orakels von Delphi: «Erkenne dich selbst», um es gleich anschliessend auf der interaktiven Installation der Künstlerin Mary Corey March zu versuchen: Auf einer mit Ich-Aussagen vollbespickten Pinnwand darf jeder seinen individuellen Lebensfaden auswählen und von Identitätsmerkmal zu Identitätsmerkmal weben. So bildet sich aus den Identitäten der Ausstellungsbesucher ein buntes Gemeinschaftsgewebe.

Leben wir vorbestimmt oder selbstbestimmt?

Der Frage, ob es die Gene sind, die unsere Persönlichkeit bestimmen, geht die dänische Neurobiologin und Journalistin Lone Frank auf den Grund. Die Ausstellung zeigt die Reise ihrer Recherchen in der Arte-Doku «Mein genetisches Ich», die auch auf dem Internet zugänglich ist:

Nationale Identität: Ist unsere Prägung relativ?

Lewis Davidson Identität

Lewis Davidson
Eigtheen Flags, seit 2014. Polyester-Flaggen der
Länder Bahrain, Dänemark, England, Georgien,
Grönland, Indonesien, Japan, Kanada, Lettland,
Monaco, Peru, Polen, Österreich, Schweiz, Singapur,
Tunesien, Türkei und Tonga.
Masse variabel.
Foto: © Hannes Thalmann

Nicht alle Aspekte unserer Identität sind so fix, wie wir glauben. Mit diesem Aspekt setzt sich der Künstler Lewis Davidson in seinem Werk «Eighteen Flags» auseinander. Er relativiert unsere Zugehörigkeit zu einer Nationalität, indem er die rotweissen Polyesterflaggen von 18 Ländern auftrennt und einzeln als Fadenknäuel präsentiert: Worin unterscheiden sie sich jetzt noch?

 

 

 

 

 

Kombination von Themenschau und künstlerischer Auseinandersetzung

Ausstellung IdentitätDas Einzigartige an dieser Themenschau ist, dass sie informative und experimentelle Elemente mit Werken zeitgenössischer Künstler kombiniert. Das Vögele Kultur Zentrum sei schweizweit das einzige Haus mit diesem ganzheitlichen Ansatz, lasse ich mir von Nadia Sambuco sagen, die beim Kulturzentrum für die Kommunikation zuständig ist.

Müsste ich jede Station beschreiben, die mich tief beeindruckt hat, nähme dieser Beitrag kein Ende. Die Ausstellung zeigt einen Reichtum an Betrachtungsweisen und Formen der Auseinandersetzung, aus denen ich nur ungern wieder entlassen werde. Das Thema Identität betrifft jeden einzelnen von uns. Ob er nun etwas auf sich hält, oder sich am Rand der Gesellschaft bewegt. Ich wünsche der Ausstellung deshalb, dass viele sie besuchen und mit gestärktem Selbstbewusstsein wieder verlassen.