Der Kalligraf: magischer Poet der Vergänglichkeit

Angela von Lerber
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Begegnung mit einem Kalligrafen der besonderen Art

25.11.2016, von Angela von Lerber

Strassen-Kalligraf

Schriftzeichen aus Wasser

Auf einer Spaziermeile in Kunming steht der Kalligraf plötzlich auf dem Gehsteig: ein Mann mit Strohhut, der einen überdimensionierten Kalligrafie-Pinsel in seinen mitgebrachten Wasserkübel taucht. Bedächtig lässt er ihn abtropfen, taucht ihn mehrmals wieder ein, um endlich damit zu beginnen, kunstvoll chinesische Schriftzeichen auf den Asphalt zu malen.

Ein Stück Poesie – nur für den Augenblick

Strassen-Kalligraf

Kalligraf der Vergänglichkeit

Die Passanten stehen im Halbkreis. Jeder Strich wird begutachtet und kommentiert. Was der Kalligraf wohl schreiben mag? – Sind es eigene Texte? – Sind es traditionelle Gedichte aus der chinesischen Literatur? – Oder sind es bekannte Zeilen des Konfuzius?

Wie auch immer: Mit ruhiger Hand und schwungvollem Strich malt der Mann  perfekte Schriftzeichen auf den Boden. Die Zuschauer, die etwas davon zu verstehen scheinen, nicken anerkennend.

Lange betrachtet der Kalligraf sein fertiges Werk. Bis allmählich die ersten Zeichen zu verdunsten beginnen, zunächst unlesbar werden, um sich schliesslich ganz in Luft aufzulösen. – Worin lag nur der Sinn des verschwundenen Textes und des vergeblichen Schaffens des Kalligrafen?

Der magische Moment des Verschwindens

Der Kalligraf schrieb seine Zeilen nicht für die Ewigkeit. Nur wenige Minuten blieb sein Werk bestehen. Was zählte, war der Augenblick. Die Hingabe und die Konzentration beim Malen, der Moment der Vollendung. – Doch beim Verschwinden lag in der Luft ein magischer Reiz. Lange standen die Menschen und schauten. Bis das letzte Fleckchen Nass entschwunden war.

Dass manches vergänglich ist, sollten wir vielleicht etwas weniger tragisch nehmen. Es ist auch tröstlich. Und vielleicht liegt das ja Geheimnis darin, dass wir die Dinge ziehen lassen.