Schlagwort-Archive: Inklusion

Jahresbericht 2018 von LIV – Leben in Vielfalt

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Angela von Lerber

Angela von Lerber ist das Gesicht hinter phil-rouge: Sie konzipiert, schreibt und kreiert Content für On- und Offline-Publikationen.
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LIV Jahresbericht: Einblick in die Aktivitäten einer Institution für Menschen mit Behinderung

Mein alljährliches Herzensprojekt, der Jahresbericht für LIV – Leben in Vielfalt, ist inzwischen unter den Leuten. Mit einem vielfältigen Wohn- und Beschäftigungsangeboten fördert die kantonale Institution von Basel-Stadt die Selbständigkeit und die Teilhabe erwachsener Menschen mit einer Beeinträchtigung. Im vergangenen Jahr war LIV vor allem mit der Umsetzung des neuen kantonalen Behindertenhilfegesetzes beschäftigt, das einen Systemwechsel hin zur bedarfsorientierten Finanzierung mit sich brachte.

Schwerpunktthema «Angehörige»

Abgesehen von der Berichterstattung über die Aktivitäten des vergangenen Jahres kommen in diesem Jahresbericht auch eine Reihe Angehöriger zu Wort. Bereitwillig haben sie sich für ein Gespräch zur Verfügung gestellt und geben Einblick in ihr Erleben: Wie ist es, wenn ein Familienvater aus heiterem Himmel von einem schlimmen Gendefekt, der Huntington Krankheit, heimgesucht wird? – Wie kommt man damit zurecht, wenn man als ganze Familie von dieser neurodegenerativen Erbkrankheit betroffen ist? – Auch zwei Mütter von stark verhaltensauffälligen Söhnen mit Autismus kommen zu Wort und sprechen über die Grenzen, an die sie stossen. Wohin soll eine Mutter sich wenden, wenn sie nach der heilpädagogischen Schule einfach keine passende Anschlusslösung für ihren Sohn findet? Wenn er überall aneckt? Für Erwachsene aus dem Spektrum Autismus gibt es nach wie vor viel zu wenig Angebote.

Wahre Geschichten, wahre Heldinnen, wahre Helden

Es sind wahre Geschichten, die hier erzählt werden. Die Hinternisse und Herausforderungen sind für die Betroffenen oft grenzenlos. Ein Happy End ist nicht in Sicht. Trotzdem haben die Menschen, die ich getroffen habe, etwas geschafft: Sie sind dankbar für alle guten Momente und für alles, was in ihrer schweren Situation Linderung bewirkt. Vor allem aber, wenn sie ihr Kind, ihren Ehepartner, einen Elternteil in guten Händen wissen.

Gut, dass es Institutionen, wie LIV gibt!

(Fotografie und Gestaltung des Jahresberichts: Stephan Jungck, fortissimo)

Ältere Blogbeiträge über LIV:
Das neue Wohnheim Klosterfiechten

Echte «Teigwahrheiten» von Helena & Co.

 

Büro für leichte Sprache

Leichte Sprache: Schlüssel zur Teilhabe oder einfach ein erster Schritt?

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Angela von Lerber

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Cornelia Kabus vom Büro Leichte Sprache Basel im Gespräch

Das Büro Leichte Sprache in Basel gehört zur Stiftung WohnWerk, einer Institution für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Im Auftrag von Organisationen, Behörden – und immer häufiger auch von Unternehmen – überträgt die Leiterin, Cornelia Kabus, anspruchsvolle Texte in leichte Sprache. Leichte Sprache richtet sich an Menschen, die Mühe haben, Schrifttexte ohne fremde Hilfe verstehen zu können. So einfach es klingt, das Übertragen von Texten in leichte Sprache ist ein langwieriger Prozess. Bei der Stiftung WohnWerk stehen Cornelia Kabus  dazu fünf Prüferinnen und Prüfer zur Seite. Ihnen obliegt im Rahmen einer geschützten Arbeitsstelle die Aufgabe, die übertragenen Texte an die Linguistin zurück zu spiegeln. Oft werden Verständnislücken erst in diesem Prozess offenbar. Wie anspruchsvoll es sein kann, sich in die Wahrnehmung der Zielgruppe hineinzuversetzen, erfahren wir im Gespräch mit Cornelia Kabus:

Cornelia Kabus, auf Ihrer Website unterscheiden Sie zwischen leichter Sprache und einfacher Sprache? – Können Sie dazu etwas sagen?

Grob gesagt richtet sich die leichte Sprache vor allem an Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Es sind Menschen mit deutscher Muttersprache, die zwar lesen können, für die aber das Verständnis – insbesondere der Schriftsprache – ganz schwierig ist. Oft verstehen sie ganze Konzepte nicht, zum Beispiel die Mathematik. Jemandem, der nicht rechnen kann, die Bedeutung von 10 % zu erklären, ist schwierig. Dazu müsste man erst einmal eine Mathematikstunde einschalten.

Bei der einfachen Sprache ist die Zielgruppe eine andere. Das können Menschen mit einem Migrationshintergrund sein. Diese kennen zwar durchaus die Konzepte, sind aber der deutschen Sprache nicht so mächtig. Deshalb brauchen sie weniger Erklärungen. Auch werden diese Menschen irgendwann nicht mehr auf die einfache Sprache angewiesen sein. Nämlich dann, wenn sie sich die Sprache angeeignet haben. Die einfache Sprache bewegt sich irgendwo zwischen der leichten Sprache und der Standardsprache. Wenn man die Zielgruppe kennt, kann man den Grad der Vereinfachung anpassen – je nachdem, auf welchem Niveau sich das Verständnis bewegt.

Nehmen wir das Beispiel der 10 % auf, das Sie vorhin erwähnt haben. Wie erklären Sie 10 % in leichter Sprache?

Die leichte Sprache stösst an Grenzen, wo man pragmatisch sein muss. Ich kann zum Beispiel sagen: ein kleiner Teil. Oder ich stelle die Mengenangabe grafisch dar und zeige, wie viel das Ganze wäre und wie viel 10 % davon. Ich kann auch bildlich sprechen: Man schneidet einen Kuchen in zehn Stücke – ein Stück ist dann 10 % davon. Meistens haben wir es allerdings nicht mit runden Zahlen zu tun, bei 17 % wird es schon schwieriger. Es gibt bei der leichten Sprache häufig Dinge, die man aus pragmatischen Gründen einfach weglassen muss. Denn wenn wir ein Lexikon an Erklärungen anhängen, ist die Zielgruppe genauso überfordert.

Arbeiten Sie primär am Wortschatz? – Oder wie gehen Sie konkret vor?

In meinen Weiterbildungen zu einfacher oder leichter Sprache unterscheide ich zwischen Zeichenebene, Wortebene, Satzebene und Textebene. Zum Schluss kommt noch die Gestaltungsebene dazu. Wir arbeiten uns von der kleinsten zur grössten Ebene vor. Auf der Wortebene lässt sich übrigens gar nicht so viel machen, wie man denkt. Es ist eben keine Übersetzung, sondern eine Übertragung in leichte Sprache. Zum Beispiel Fachwörter sind so eine Sache. Für sie gibt es kein einfaches Äquivalent. Ich kann ja nicht einfach ein Wort erfinden, das einfacher klingt. Wenn ein Fachbegriff wichtig ist, muss ich ihn so stehen lassen und erklären, was er bedeutet. Am meisten zu tun gibt es auf der Satzebene. Die leichte Sprache kennt ausschliesslich Ein-Aussage-Sätze. Das sind Hauptsätze mit nur einer Aussage ohne Nebensatz. Leichte-Sprache-Texte sind Listen ohne Satzzusammenhalt. Jeder Satz fängt in einer neuen Zeile an. Und leichte Sprache ist immer ganz konkret.

Wann kommen die Prüferinnen und Prüfer ins Spiel?

Die kommen nur bei der leichten Sprache ins Spiel. Ich orientiere mich hier an den Schwächsten. Wenn die es verstehen, dann kann ich hoffen, dass die übrigen es auch verstehen. Mein Prüferteam hier beim WohnWerk besteht aus fünf Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Bei der Zusammenstellung habe ich darauf geachtet, dass die Gruppe möglichst heterogen ist: mit schwerer oder weniger schwerer Beeinträchtigung, Männer, Frauen, ältere und jüngere Personen. Davon ausgehen, dass sie mir nach der Lektüre sagen, sie hätten dieses oder jenes nicht verstanden, kann ich allerdings nicht. Das sind Menschen, die sich ein Leben lang Strategien angeeignet haben, um sich nicht anmerken zu lassen, dass sie etwas nicht verstanden haben. Ich muss sie aufmuntern: ‚Toll, wenn ihr etwas nicht versteht, Ihr seid jetzt die Experten‘. Auch wenn ich es hundertmal sage, ich muss doch immer wieder herausspüren, dass sie etwas nicht verstanden haben und versuchen, es zu kaschieren. Ich stelle dann offene Fragen und lasse sie nacherzählen, was in dem Text steht. Oder ich lasse den Text laut vorlesen und merke an der Betonung des Wortes, dass es nicht verstanden wurde. Kürzlich hatten wir in einem Text den Satz: «Für wen ist die Hausordnung?» – Der Prüfer las vor: «Für ‚wenn‘ ist die Hausordnung?» Als ich nachhakte, stellte sich heraus, dass er verstand, für welchen Zeitpunkt die Hausordnung gedacht sei. So konnten wir das klären.

Ich bin nun bald fünf Jahre dabei und weiss, wie ich es angehen muss. Dennoch gibt es immer wieder neue Formulierungen, bei denen ich nie draufgekommen wäre, dass man sie auch anders verstehen könnte.

Ihr Büro in Basel war das erste Büro für leichte Sprache in der Schweiz. Wie kam es dazu?

Ursprünglich wurde die leichte Sprache in den USA angedacht, in Schweden griff man die Idee dann auf. Zunächst gab es nur die einfache Sprache und die leichte Sprache entwickelte sich daraus später. In Deutschland gibt es die leichte Sprache seit 2002. Nachdem immer mehr Büros für leichte Sprache entstanden sind, richtete die Universität Hildesheim eine Forschungsstelle ein und fand heraus, dass die leichte Sprache, wie sie bis dahin praktiziert worden war, teilweise gar nicht zur besseren Verständlichkeit beigetragen hatte. Vor allem aber fiel auf, dass es für die Übersetzer keine Handhabe gab, auf die sie sich stützen konnten. So wurde das Thema, das von sozialpädagogischer Seite initiiert wurde, erstmals von der linguistischen Seite angegangen. Dank dieser Forschung stehen uns heute eben diese Tipps zur Verfügung, wie man zum Beispiel Schachtelsätze in einzelne Hauptsätze auflösen kann. Die Forschungsstelle Leichte Sprache in Hildesheim bot dazu eine Weiterbildung an, die ich schon kurz nach der Gründung unseres Büros besuchte. Das war sehr wertvoll. Ich informiere mich dort immer noch regelmässig über neue Erkenntnisse.

Inzwischen gibt es auch in der Schweiz mehrere Büros für leichte Sprache. Arbeiten Sie in irgendeiner Form zusammen?

Wir arbeiten alle unabhängig. Wir müssen uns ja alle irgendwie finanzieren. Und das ist leider nicht von irgendeiner unabhängigen Stelle gewährleistet. Wir sind alle am Kämpfen, wie überall in der Kommunikation. Im Gebiet der leichten Sprache ist es noch schlimmer, weil da der Aufwand viel grösser ist. Eigentlich müssten wir ja die doppelten Tarife verlangen, aber das ist unrealistisch, da wir ja meist für soziale Organisationen arbeiten. Es gibt ein Netzwerk ‚Leichte Sprache Schweiz‘. Gerade kürzlich hatten wir ein Netzwerktreffen, zu dem aber nur acht Personen gekommen sind. Die Leute überlegen sich eben, ob ihnen der fachliche Austausch mit anderen einen halben Tag wert ist. Ich persönlich finde es sehr wertvoll.

Wenn Sie einen Wunsch im Hinblick auf die leichte Sprache anbringen könnten, welcher wäre das?

Da gibt es zwei Wünsche: Der eine wäre, dass die Dienstleistung irgendwie staatlich finanziert würde. Denn ich finde, das wäre eigentlich eine Aufgabe der Gesellschaft. Wenn man wirklich Inklusion will, kann man dies nicht auf dem Rücken einiger sozialer Institutionen austragen lassen, sondern muss sich insgesamt darum kümmern.

Zum anderen würde ich mir wünschen, dass Inklusion und Teilhabe auch auf anderer Ebene noch stärker vorangetrieben würden. Für meinen Geschmack konzentriert man sich zu stark auf leichte Sprache und sagt: «Wir haben ja jetzt unsere Website übersetzt.» Der Bund zum Beispiel übersetzt sehr viel in leichte Sprache, weil er die Behindertenrechtskonvention umsetzen will. So nach dem Motto: «Wir haben unser Behindertenkonzept in leichte Sprache übersetzt. Wunderbar, jetzt haben wir unsere Pflicht erfüllt.» Das Problem dabei ist, dass die Realität eine andere ist. Menschen mit einer Beeinträchtigung haben nie gelernt, dass sie ein Mitspracherecht haben. Die wissen gar nicht, was das ist. Die wissen noch nicht mal, was es bedeutet, sich selbst zu informieren. Wenn ich sie frage, wie würdest du hier oder da entscheiden, haben sie keine Ahnung. Wenn man wirklich will, dass sie abstimmen dürfen, dann müsste man ihnen erst einmal erklären, was überhaupt Politik ist. Viele kennen noch nicht einmal den Begriff. Es gibt natürlich Grenzen. Kognitive Grenzen. Aber viele von ihnen könnten auf jeden Fall sehr viel mehr. Viele könnten viel selbstständiger sein, werden aber vom System unselbstständig gehalten. Da müsste auf vielen Ebenen noch sehr viel laufen, damit sie inkludiert werden und mehr Möglichkeiten haben, mitzuentscheiden. Es reicht nicht zu sagen: Hier habt ihr einen Text, jetzt informiert euch und nun seid ihr selbst verantwortlich. Für Teilhabe braucht es mehr als einen Text in leichter Sprache. Wenn auch die leichte Sprache ein sehr wertvolles Instrument dazu ist. Aber sie ist eben nur ein Instrument.

Links:

Leichte Sprache – das Regelbuch, Prof. Christiane Maaß, Forschungsstelle Leichte Sprache, Universität Hildesheim: https://www.uni-hildesheim.de/media/fb3/uebersetzungswissenschaft/Leichte_Sprache_Seite/Publikationen/Regelbuch_komplett.pdf

Das Büro Leichte Sprache bietet regelmässig Weiterbildungen in leichter Sprache an. Informationen dazu gibt es hier: https://www.leichte-sprache-basel.ch/Unser-Angebot/Weiterbildung/PvUZq/

 

 

Leitbild Leichte Sprache

Leichte Sprache: wie sie Worthülsen aufdeckt

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Angela von Lerber

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Leichte Sprache schwere Sprache

Leichte Sprache soll für die, an die sie gerichtet ist, etwas Leichtes sein. Für die, die sie schreiben, ist sie alles andere als leicht. Wer – wie die meisten, die diesen Beitrag lesen – seine Muttersprache beherrscht und mit ihr zu spielen vermag, verfügt über ein mächtiges Werkzeug. Mit unserer ausgefeilten Sprachfertigkeit können wir komplexe Zusammenhänge erklären, Sachverhalte präzisieren, Argumente formulieren, unsere Meinung vertreten, verteidigen und darüber hinaus auch das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle abrufen. Über Sprache setzen wir Akzente, lassen Erinnerungen anklingen, rücken Dinge ins rechte Licht oder ins falsche, verpacken Hiobsbotschaften in Watte, überhöhen Fakten oder drängen sie in die Ecke der Bedeutungslosigkeit. Mit Sprachwitz und Ironie vermögen wir das Denken zu stimulieren. Mit zynischem Sarkasmus speien wir tödliches Gift.

Leichte Sprache – direkt und konkret

Für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung oder Personen mit eingeschränktem Sprachverständnis ist dieser Nuancenreichtum ein Buch mit sieben Siegeln. Sie haben zwar lesen gelernt, aber das Verständnis – insbesondere der Schriftsprache – ist schwierig für sie. Was zwischen den Zeilen steht oder an ein Konzept anknüpft, das ihnen fremd ist, geht verloren. Komplexe Inhalte bleiben ihnen verschlossen. Damit auch Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung an der Gesellschaft teilhaben und sich selbstständig informieren können, haben private und öffentliche Institutionen damit begonnen, Informationen in leichter Sprache zur Verfügung zu stellen. Leichte Sprache ist immer konkret. So sind die Textübertragungen äusserst aufschlussreich, nicht nur für die Menschen, für die sie gedacht sind.

Leichte Sprache kann zu denken geben

Der Journalist Holger Fröhlich stellt regelmässig für das Wirtschaftsmagazin brandeins Texte in leichter Sprache zusammen, Gesetzesparagraphen zum Beispiel. Seine Einführung lautet: «Die Leichte Sprache richtet sich vorwiegend an Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen – vielleicht hat sie aber noch größeres Potenzial?» Wer sich die Kostproben zu Gemüte führt, wird sich ein Schmunzeln über die Sprengkraft der leichten Sprache für komplizierte Menschen nicht verkneifen können. Einige davon sind kabarettreif.

Leitbilder in leichter Sprache

Vor kurzem hat die Geschäftsstelle von LIV – Leben in Vielfalt, der kantonalen Angebote für begleitetes Wohnen Basel-Stadt, ihr Leitbild in leichte Sprache übertragen lassen. Das hat mich veranlasst, Cornelia Kabus vom Büro Leichte Sprache über ihre Arbeit zu befragen. Zum Auftrag von LIV sagt die studierte Linguistin:

«Leitbilder sind immer herausfordernd. Da kommen die immer gleichen symbolhaften Aussagen vor. Zum Beispiel der Begriff ‚Leuchtturm‘. Der Ausdruck klingt wunderschön, ist aber eben nicht sehr konkret. In der leichten Sprache ist es wichtig, ganz konkret zu sein. Da kann man nichts verhüllen. Man kann keine Andeutungen machen oder zwischen den Zeilen durchschimmern lassen. Und man kann auch nicht lügen. Jede Aussage muss konkret sein.»

An diesem Punkt muss Cornelia Kabus jeweils nachhaken. Was ist konkret gemeint mit all den wohlklingenden Aussagen? Es täte wohl manchem Leitbild gut, in leichte Sprache übertragen zu werden, bevor es in die Kommunikation einfliesst – so quasi als Lackmustest für Substanz und Umsetzbarkeit der wohlformulierten Leitlinien.

Klosterfiechten Architektur für Autismus

Das neue Wohnheim Klosterfiechten

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Angela von Lerber

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Nüchtern, transparent und unverwüstlich: Klosterfiechten wurde gebaut für Menschen mit Autismus

Im neuen Wohnheim Klosterfiechten von «LIV Leben in Vielfalt» in Basel leben auf zwei Wohngruppen verteilt acht bis zehn Menschen mit einer Autismus-Störung. Es sind Klientinnen und Klienten mit starken Verhaltensauffälligkeiten, die hier ein betreutes Zuhause gefunden haben. Die Architektur ist ganz auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet.

15.5.18, von Angela von Lerber

Die Klientinnen und Klienten von Klosterfiechten werden intensiv und individuell im Alltag begleitet. Tagsüber nutzen sie eines der Tagesstruktur-Angebote von LIV. Verhaltensauffälligkeiten und Aggressionen erhalten Raum, damit sie reflektiert und verstanden werden können. Transparente Strukturen bringen Orientierung und Stabilität in die Alltagsbewältigung. Ziel der Begleitung ist es, mit Klientinnen und Klienten Handlungsstrategien für den Umgang mit ihrer Informationsverarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung zu entwickeln.

Autisten verarbeiten Reize anders

Klosterfiechten vandalensichere Möblierung

Die Möblierung: Gelungener Kompromiss zwischen «vandalensicher» und «wohnlich»

Die Ausprägungen im Spektrum Autismus sind sehr verschieden. Was allen Autisten gemeinsam ist: Sie sind in ihrer Informationsverarbeitung beeinträchtigt. Alltägliche Reize wie Licht, Lärm, Informationen oder optische Eindrücke können zu grossem Stress führen. Menschen mit autistischer Wahrnehmung müssen im Chaos der auf sie einstürzenden Sinneseindrücke ständig Ordnung schaffen, womit sie schnell einmal überfordert sind. Die erlebten Irritationen können zu starken Verhaltensauffälligkeiten wie Ordnungszwang, Ticks, Selbstverletzungsgefahr oder zu aggressiven Ausbrüchen führen.

Klosterfiechten bietet Menschen mit Autismus optimale Rahmenbedingungen

Medikamente können helfen, die Begleiterscheinungen von Autismus zu lindern. Autismus zu heilen vermögen sie nicht. LIV verfolgt deshalb einen agogischen Ansatz. Das Ziel ist, Autismus besser zu verstehen, um mit den Betroffenen Strategien zur Bewältigung ihres Alltags zu entwickeln. Dazu braucht es geeignete Rahmenbedingungen. Im neuen Wohnheim Klosterfiechten sind diese nun optimal gegeben.

«Ich wünschte mir, es gäbe in allen Regionen der Schweiz bedarfsgerechte Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Autismus. So müssten sie nicht aus ihrem Umfeld gerissen werden. Die sozialen Kontakte zum nahen Umfeld sind sehr wichtig.» Martina Bötticher, Geschäftsführerin LIV

Die wichtigsten Anforderungen an den Neubau Klosterfiechten

Im Vorfeld formulierte ein internes Projektteam ein umfangreiches Bündel an Anforderungen an den Neubau mit folgenden Hauptkriterien:

  • Sicherheit und Vermeidung von Verletzungsgefahr
  • eine robuste und strapazierfähige Ausstattung
  • möglichst geringe Reizeinwirkung
  • einfache Orientierung
  • zentrale Organisation für die Mitarbeitenden

Intensive Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung

Gewonnen hat die Ausschreibung die ARGE Beer+Merz Architekten zusammen mit Stump&Schibli Architekten. Bereits im Wettbewerb hatte die engagierte Architektengemeinschaft eine Autismus-Fachperson beigezogen. Vieles, was ihnen in dieser Phase nahegelegt wurde – zum Beispiel die Abgrenzung von Räumen durch verschiedene Bodenbeläge – führte schliesslich zu einer völlig anderen Lösung, die aber trotzdem funktionierte. Entscheidend war, dass die Architekten die Vorgaben von LIV sehr ernst nahmen und sich immer wieder fragten: Wie bewegen sich diese Menschen? Wie leben sie? Weshalb stehen diese Aspekte im Projektprogramm? Wo überall braucht es Brüstungen? Warum dürfen die Fenster nur so und so gross sein?

«Die schlaue Lösung für eine besondere Aufgabe wie diese kann man nur zusammen mit den Nutzern finden.» Yves Stump, Architekt, Stump & Schibli Architekten

Getrennte Eingänge, kurze Wege

Aufgang Wohnheim Klosterfiechten

Getrennte Eingänge vermeiden Konflikte und sorgen für Klarheit

Aus dem Hinweis, beim Zugang zur Wohneinheit sei es in der Vergangenheit immer wieder zu Stressmomenten gekommen, haben die Architekten das Raumgefüge abgeleitet: je ein separater Zugang zu den Wohngruppen, und die Dienstzimmer für die Mitarbeitenden auf der gleichen Etage zwischen den beiden Wohneinheiten angeordnet. Auch über den Nachtdienst und mögliche Fluchtwege diskutierten die Architekten stundenlang, bis die perfekte Lösung gefunden war. Auf externe Besucher mag diese Lösung introvertiert wirken. Doch genau dieses Umhüllende schafft Sicherheit. Das Raumgefüge ist einfach und klar in der Zuordnung und bedarf keiner Erklärung: Die Klienten betreten das Gebäude über ein Entree, wo für jeden das eigene Garderobenkästchen bereitsteht. Von dort führt eine Treppe hoch, an deren Ende sie «ankommen» und ohne Ballast in den Wohnbereich eintauchen können.

Entspannung für Wohngruppenleiter und Klienten

Wohngruppenleiterin Anika Spiegelhalter schätzt am Neubau, dass sich jetzt alles auf einer Ebene abspielt: «War man im alten Gebäude auf sich allein gestellt mit einer Person, die gerade einen aggressiven Ausbruch hatte, können wir uns jetzt, wo alles auf der gleichen Etage ist, im Krisenfall gegenseitig schnell zu Hilfe eilen. Als Mitarbeiterin fühle ich mich dadurch viel sicherer.» Die Krisenhäufigkeit in den neuen Räumlichkeiten hat stark abgenommen.

Klare Orientierung, weniger Irritation

Klosterfiechten rerizarme Wohnräume

Eine schallschluckende Decke und gedämpftes Licht schaffen eine reizarme Atmosphäre

Auch Wohngruppenleiter Patrick Teifel stellt fest, dass es kaum noch problematische Ecken und Winkel gibt: «Man kann eigentlich überall ausweichen.» Zudem findet er die neue Raumaufteilung übersichtlich. Klienten, die das Bedürfnis nach indirekter Kontrolle haben, könnten nun einfach die Zimmertür offen lassen, um sicher zu sein, dass jemand da ist. Andere beschäftigten sich mit Neuem, würden Spiele holen oder ins Wohnzimmer gehen, um zu schauen, was im Fernseher läuft. Früher habe es einfach zu viele Angriffsflächen gegeben, Dinge zu verschieben, um eine Ordnung herzustellen. Im neuen Setting gebe es nichts mehr zu korrigieren.

Jede Person eine eigene Nasszelle

Auch dass jede Person eine eigene Nasszelle hat, erweist sich als grosser Vorteil, denn verschiedene Klienten können Toilette und Wasserhahn unterschiedlich selbstständig benutzen. Im früheren Gemeinschaftsbad führte dies oft zu Konflikten. Nun kann jeder das Bad so gestalten, wie er mit der Einrichtung umgehen kann.

«Das Agogische, die Sicherheit und die Ordnung. Diese drei Faktoren sorgen für Lebensqualität.» Lambert Schonewille, Leiter Spektrum Autismus bei LIV

Freiraum für die agogische Arbeit

In den neuen Räumlichkeiten kann LIV mit den gleichen Ressourcen für die Klientinnen und Klienten mehr bewirken, da die Architektur enorm zum Stressabbau beiträgt. Die weitgehend selbsterklärende Raumgestaltung, die bessere Orientierung und die Sicherheit sind die entscheidenden Faktoren. Viele Konflikte tauchen gar nicht mehr erst auf. Dadurch sind Freiräume für die agogische Arbeit entstanden, was nicht nur den Klientinnen und Klienten zu Gute kommt, sondern auch den Betreuerinnen und Betreuern.

Das Bauprojekt Klosterfiechten

Weitere Blogbeiträge zu LIV Leben in Vielfalt

 

Erzählen ist freiwillig, zuhören ist Pflicht im Erzählcafé

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Storytelling als Methode in der Altersarbeit

23.3.2017, von Angela von Lerber

Storytelling im Erzählcafé

Das Erzählcafé für Menschen ab 60 Jahren

Storytelling ist in aller Munde. Wer interessiert sich schon für nackte Fakten? Und so sind Kommunikationsprofis denn ständig auf der Jagd nach der ultimativen Geschichte, die anschaulich transportiert, was Sache ist. Doch es gibt ursprünglichere Formen des Storytellings. In der sozialen Arbeit zum Beispiel, wo Menschen im Rahmen von Erzählcafés Vergangenes aufleben lassen und dadurch Momente der Wertschätzung erfahren.

Kürzlich nahm ich als Gast an einem solchen Anlass teil. Gabriela Giger, Altersbeauftragte der Gemeinde Richterswil, bietet seit 2013 Erzählcafés für Personen ab 60 Jahren  an. Da ich für ein eigenes Projekt am Recherchieren war, durfte ich für diesen Nachmittag das Erzählthema einbringen. Die zwei Stunden des kollektiven Erinnerns entpuppten sich für mich als wahre Fundgrube. Doch weit darüber hinaus konnte ich miterleben, wie bereichernd das Erzählen und Zuhören sein kann. Im Interview gibt Gabriela Giger einen Einblick ins Format des Erzählcafés:

Erinnern, erzählen, wertschätzen

Das Interview mit Gabriela Giger, Altersbeauftragte der Gemeinde Richterswil:

Gabriela Giger, was ist das Wesen des Erzählcafés, worum geht es?

Das Erzählcafé ist eine Biografiemethode der sozialen Arbeit. Es sind Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. Menschen kommen zusammen und teilen ihre Erlebnisse zu einem bestimmten Thema. Es geht nicht darum, wer etwas besser weiss oder andere darüber denken. Es wird auch nicht diskutiert, sondern eigene Lebenserfahrungen und erlebte Episoden erzählt. Meine Aufgabe ist es, diese Gesprächsrunden zu moderieren und einen Raum zum Erzählen zu schaffen.

Was hat dich bewegt, ein solches Angebot ins Leben zu rufen?

Ich finde es interessant zu hören, wie unterschiedlich das Leben verlaufen kann, was es bedeutet, dass jemand zum Beispiel als Mann geboren wurde oder als Kind während des Krieges gelebt hat. In diesen Momenten wird mir bewusst: So, wie ich das Leben lebe, ist nur eine Variante von vielen.

An diesem Nachmittag kamen auf 8 Frauen 2 Männer. Ist Erzählen Frauensache?

Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun. Das Alter ist nun einmal weiblich. Es gibt mehr alleinstehende alte Frauen als Männer. Ich glaube aber auch, dass Frauen schon im früheren Lebensalter verstehen, wie wichtig das Erzählen – auch schwieriger Dinge – ist. Die Frauen haben es einfach mehr geübt als die Männer.

Wie kommen die Erzählcafés bei den Teilnehmenden an?

Ich stelle jeweils fest, wie sich im Laufe eines Nachmittags die Stimmung verändert. Diese Lebendigkeit, die aus all den Lebenserfahrungen quillt, lässt die Leute mit einer anderen Mimik hinausgehen als sie gekommen sind. Dass es eben für einmal nicht darum geht, wer besser, schöner, schneller ist, sondern dass jede Erfahrung ihre Gültigkeit hat und nicht bewertet werden muss, tut grundsätzlich jedem gut. Vermutlich wirkt es sogar gesundheitsfördernd. Wenn ich mich mitteilen kann und vom eigenen Leben erzählen, so wie es gewesen ist, mit allem Schwierigen und allem Schönen, wenn ich mich anderen gegenüber öffnen kann, dann hat dies etwas sehr Wohltuendes.

Ist es schwierig, Themen zu finden?

Überhaupt nicht. Jedes Thema eignet sich. Auch Banales, wie etwa „Schuhe“. Weil die Leute etwas erlebt haben und durch die Erzählungen der anderen angeregt werden, ist es überhaupt nicht schwierig. Das Erinnern ist sehr ansteckend! Nehme ich bekannte Weisheiten, Sprichwörter und Redensarten, kann ich noch hundert Jahre Erzählcafé anbieten.

Hast du die Erinnerungen je protokolliert oder aufgenommen, um sie festzuhalten und vor dem Vergessen zu retten?

Das Wesentliche ist, dass jemand in Ruhe erzählen kann. Und dass andere in Ruhe zuhören. Das ist der einfache Trick, warum es funktioniert. Jede und jeder kann etwas beitragen, muss aber nicht. Es gibt keinen Leistungsanspruch. Das Einzige, was man muss, ist zuhören. Das ist in der heutigen Zeit eine grosse Kostbarkeit. Jemand hört mir zu und vermittelt mir das Gefühl, interessant zu sein. Darum geht es.

Mir kam es beim Zuhören vor, als würden wir gemeinsam einen Schatz bergen, der irgendwo in der Versenkung lag. Und dann mussten wir ihn wieder gehen lassen – vielleicht zurück in die Versenkung…

So, wie Erinnerungen eben sind. Interessant ist ja, was wir in Erinnerung behalten und was nicht. Beim Erinnern, sagt man, müsse es eine gefühlsmässige Verbindung geben, damit bestimmte Dinge im Gedächtnis haften bleiben. Insofern handelt es sich bei Erinnerungen um genau diese Perlen. Ich glaube, die halten ewig. Die lassen sich nicht nehmen. Die Frage ist, wie gross dieser Schatz ist und wie oft ich meine Schatzkiste anschauen und sehen kann, was alles drin liegt. Vielleicht bin ich tatsächlich erstaunt, was da alles auch noch liegt. Erzählen ist etwas ganz anderes als schriftliches Festhalten und Konservieren.

Was ist dein Eindruck: Ist Erinnerung etwas, das sich im Laufe der Zeit verfälscht?

Ich kann bei anderen nicht nachprüfen, was verformt ist. Das gelingt mir nicht einmal bei mir. Ich bin aber überzeugt, dass sich mit den Jahren und all den neuen Erfahrungen, die dazukommen, vieles verformt. Ereignisse werden anders ausgewertet und mit anderem verknüpft, sodass sie tatsächlich, wenn man genau nachfragen würde, nicht mehr ganz der Realität entsprechen. Aber ich glaube, dass dies bei Erinnerungen nicht entscheidend ist. Weil es einen persönlichen Grund gibt, warum jemand sich etwas in dieser Art gemerkt hat.  Es hat jetzt diesen Stellenwert, so erzählt zu werden und nicht anders. Und ich bin die Person, die die Kompetenz hat, zu entscheiden, wie ich meine Erinnerung jetzt in Sprache fasse.

Leistest du in Richterswil Pionierarbeit oder gibt es viele solcher Erzählcafés in der Schweiz?

Mit dem Netzwerk Erzählcafé, das entstanden ist, hat sich das Format etabliert. Das Netzwerk wird vom Migros Kulturprozent unterstützt, schliesslich ist es ja auch ein Generationenthema. Jetzt wird erstmals aufgenommen, wo überall in der Schweiz Erzählcafés stattfinden. Ich weiss von Kolleginnen, die dies ebenfalls anbieten. Die Methode lässt sich in unterschiedlichem Kontext brauchen, sei es für eine Kulturgeschichte, für eine Dorfgeschichte, an einem Geburtstagsfest, aber auch zur Bewältigung schwieriger Themen.

Welche Qualifikationen braucht es, um ein Erzählcafé zu moderieren?

Es braucht die Fähigkeit, diese Erzählrunden wirklich zu führen. Das Erzählcafé unterscheidet sich von einer Plauderrunde. Die Moderatorin  bereitet sich thematisch vor, führt das Gespräch und achtet darauf, dass nicht einzelne die ganze Redezeit für sich beanspruchen. Beim Erinnern kommen manchmal auch sehr schlimme Lebenserfahrungen hoch. Als Moderatorin darf ich keine Angst vor aufbrechenden Gefühlen haben, die hier einen Rahmen haben. Ich muss sicher sein im Umgang mit der Gruppe und ein Auge dafür haben, ob es allenfalls nachträglich eine Begleitung braucht. Das sind Qualitäten, die in einem solch herausfordernden  Moment zum Vorschein kommen.

Du hast dich eine Ausbildung gemacht – wo und wie?

Von Beruf bin ich Sozialarbeiterin. Vor ein paar Jahren  hat die reformierte Kirche des Kantons Zürich eine Ausbildung für Erzählcafés angeboten, unter der Leitung von  Lisbeth Herger, die ebenfalls biografisch berufstätig ist und mit dem Erwachsenenbildner Walter Lüssi. Es war eine sehr schöne Lernerfahrung, weil ich das Gelernte gleich anwenden und daraus lernen konnte. Mit all den theoretischen Kenntnissen, die ich hatte, wurde ich direkt in die Rolle des Moderierens geworfen. Durch diese  Art des Lernens konnten wir gemeinsam auswerten, was sich wie bewegt hat, warum sich eine Gesprächsrunde eher schwierig gestaltete und wie es kam, dass ein Thema plötzlich eine ganz andere Richtung nahm, als ich es mir gewünscht hätte.

Seither hat sich Professorin Johanna Kohn an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Soziale Arbeit des Themas angenommen. Die FHNW bietet Fachtagungen zum Thema an und die Universität Freiburg führt bereits zum zweiten Mal ein CAS «Lebenserzählungen und Lebensgeschichten» durch.

Ich stelle fest, dass die Erzählcafés, die sich über Jahre hinweg erfolgreich halten, von Personen durchgeführt werden, die solche Gesprächsrunden von ihrer Fähigkeit und Position her gut anleiten können. Viele denken: «So ein bisschen miteinander Erzählen und Kaffee trinken, das kann ich auch.» Es braucht  mehr, dass es gut funktioniert. Man muss den Leuten einen Raum zum Erzählen zubereiten, in dem sie bei Bedarf auch geschützt sind. Das macht den qualitativen Unterschied aus. Deshalb finde ich es toll, wenn eine Fachhochschule sich dem Thema Erzählcafé in der sozialen Arbeit annimmt.

Echte «Teigwahrheiten» von Helena & Co.

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Taschen, Kunst und Produktdesign von Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung

27.11.2016, von Angela von Lerber

Taschen von Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung

Taschenverkauf LIV «für Lüüt wo tüend chrämpfle»

Helena hat eine geistige Beeinträchtigung. Aber sie kann lachen. Und sie malt lustige Gesichter. Ihre Werke sind bis Ende Februar auf der Geschäftsstelle der Behindertenhilfe Basel-Stadt «LIV – Leben in Vielfalt» zu sehen. Dort kann man Helenas Bilder und Collagen käuflich erwerben – oder eine Tasche mit Bildaufdruck und einem ihrer Sprüche für Fr. 6.50. Der Erlös des Taschenverkaufs geht auf Helenas Wunsch «a Lüüt, wo tüend chrämpfle» (Menschen mit Epilepsie).

5000 Taschen für eine neurologische Klinik in Togo

Martina Bötticher, Geschäftsführerin LIV, mit Helena und ihrer Mutter Veronika Kisling (vlnr.)

LIV verkauft Taschen von Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung: Martina Bötticher, Geschäftsführerin LIV, mit Helena und ihrer Mutter Veronika Kisling (vlnr.)

5000 Taschen wollen die Initiatoren bis Ende Februar 2017 verkaufen. Der Erlös geht an den Aufbau der neurologischen Klinik von Dr. Kokou Sodjehoun-Brunner in Togo, wo Menschen mit Epilepsie oder anderen Beeinträchtigungen bisher praktisch keine medizinische Versorgung erhielten.

Die Taschen können ab dem 5. Dezember 2016 im neu eröffneten Glücksladen von LIV an der Riehenstrasse 235 in Basel erstanden werden. Bestellungen ab 50 Stück nimmt die Geschäftsstelle LIV entgegen.

Bilder und Wortschöpfungen von Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung

Von klein auf förderte die Künstlerin und Kunsttherapeutin Veronika Kisling das kreative Schaffen ihrer schwer geistig behinderten Tochter. Die gemalten Bilder verwandelt sie in hochwertige Kunstwerke und Produkte. Der Traum der Mutter: Mit künstlerischen Motiven und Wortschöpfungen geistig beeinträchtigter Menschen einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen – zum Beispiel mit Produktetiketten. So zierte der Spruch «S’Wasser het nie Durscht» mit einem gemalten Helena-Gesicht schon einmal eine Spezialabfüllung der Mineralquelle Gontenbad.

Helena beginnt zu malen

«Am Anfang malte Helena nur Gesichter» (Veronika Kisling führt durch die Ausstellung)

«Am Anfang malte Helena nur Gesichter» (Veronika Kisling führt durch die Ausstellung)

Die Diagnose Tuberöse Sklerose war für die Mutter niederschmetternd. Niemand konnte ihr sagen, ob ihre Tochter das vierte Lebensjahr überhaupt erreichen würde. Doch Helena wuchs heran und irgendwann spannte Veronika Kisling in ihrem Atelier zum ersten Mal auch für Helena eine Leinwand auf. Damit begann eine künstlerische Reise, auf der Mutter und Tochter sich gegenseitig inspirierten. Helena malte fröhliche Gesichter und entwickelte eine unbändige Kreativität. Bei aller Belastung für die Mutter sorgte das Mädchen mit lustigen Einfällen immer wieder für erfrischende Momente.

Bilder, Collagen und sogar Stühle und Lampen entstehen

Auch diese Stühle und Lampen hat Veronika Kiesling mit Bildern von Helena gestaltet

Auch diese Stühle und Lampen hat Veronika Kiesling mit Bildern von Helena gestaltet

Inzwischen ist Helena zwanzig Jahre alt, wohnt bei LIV in einer Wohngruppe und nimmt an den Tagesstruktur-Angeboten teil. Nach wie vor arbeiten Mutter und Tochter künstlerisch zusammen. Die Bilder, Collagen, Stühle, Lampen und Taschen, die an der LIV-Geschäftsstelle am Claragraben gezeigt werden, dokumentieren eine eindrückliche Entwicklung.

 

Ich-bin-da-Produkte: Die Idee für ein Sozialunternehmen nimmt Formen an

Mit unbeugsamem Elan und viel Idealismus widmet sich Veronika Kisling der öffentlichen Sensibilisierung für die Anliegen geistig behinderter Menschen. Es geht ihr um mehr, als um ihr eigenes Schicksal. Es geht ihr um Inklusion. Sie wünscht sich, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung für die Gesellschaft sichtbar werden, dass Begegnungen passieren und dass geistig beeinträchtigte Menschen mit ihren Fähigkeiten ebenfalls einen Beitrag leisten können. Aus ihren Wortschöpfungen und künstlerischen Motiven will die Künstlerin Produkte für den Detailhandel kreieren. Dazu hat sie den Verein Helena gegründet. Geht es nach ihr, werden in den Ladengestellen von Schweizer Detailhändlern bald schon Produkte mit dem Label «Ich-bin-da» stehen.

Das Taschenprojekt wird mitgetragen von

  • LIV Leben in Vielfalt Basel
  • Kindermuseum Creaviva im Zentrum Paul Klee
  • IG Bluemefritz
  • Schloss Herdern/TG
  • Stiftung Sonnmatt Langenbruck/BL

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Sprechende Hände öffnen Taubblinden den Weg zur Bildung

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Angela von Lerber

Angela von Lerber ist das Gesicht hinter phil-rouge: Sie konzipiert, schreibt und kreiert Content für On- und Offline-Publikationen.
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Ein Institut für Gehörlose feiert Jubiläum

Anfangs Mai 2014 hatte ich das Privileg, an den Feierlichkeiten zum 50-Jahr-Jubiläum des Holy Land Institutes for the Deaf in Salt, Jordanien, dabeizusein. Für rund dreissig der hundertfünfzig gehörlosen Schülerinnen und Schüler wurde der Workshop mit dem spanischen Pantomimen Carlos Martínez zum Höhepunkt der Festivitäten. Das Eis zwischen dem Künstler aus Europa und den arabischen Gehörlosen war schnell gebrochen.

Text: Angela von Lerber

Gebärdensprache und Pantomime – zwei Welten reichen sich die Hände

Sprachende HändeIn der Turnhalle des Instituts zeigte der Künstler die Bewegungen vor. Die Schülerinnen und Schüler imitierten. Seine Anweisungen gab der Mime auf Englisch, der Institutsleiter übersetzte in die arabische Gebärdensprache. Es mag erstaunen, dass Pantomime und Gebärdensprache zwei völlig unterschiedliche Welten sind. Gebärdensprache kommuniziert über Symbole. Nur wer den Code kennt, versteht. Und dieser gilt bei weitem nicht international. Schweizer Gehörlose zum Beispiel zeichnen mit der Hand ein Schweizerkreuz in die Luft, wenn sie unser Land meinen. Jordanische Gehörlose dagegen zeigen auf ihr Handgelenk, denn ihnen dient die Armbanduhr als Sinnbild für die Schweiz. Gebärdensprache ist kulturbezogen und kennt genauso verschiedene Sprachen wie die gesprochene Sprache.

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