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Erzählen ist freiwillig, zuhören ist Pflicht im Erzählcafé

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Angela von Lerber

Angela von Lerber ist das Gesicht hinter phil-rouge: Sie konzipiert, schreibt und kreiert Content für On- und Offline-Publikationen.
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Storytelling als Methode in der Altersarbeit

23.3.2017, von Angela von Lerber

Storytelling im Erzählcafé

Das Erzählcafé für Menschen ab 60 Jahren

Storytelling ist in aller Munde. Wer interessiert sich schon für nackte Fakten? Und so sind Kommunikationsprofis denn ständig auf der Jagd nach der ultimativen Geschichte, die anschaulich transportiert, was Sache ist. Doch es gibt ursprünglichere Formen des Storytellings. In der sozialen Arbeit zum Beispiel, wo Menschen im Rahmen von Erzählcafés Vergangenes aufleben lassen und dadurch Momente der Wertschätzung erfahren.

Kürzlich nahm ich als Gast an einem solchen Anlass teil. Gabriela Giger, Altersbeauftragte der Gemeinde Richterswil, bietet seit 2013 Erzählcafés für Personen ab 60 Jahren  an. Da ich für ein eigenes Projekt am Recherchieren war, durfte ich für diesen Nachmittag das Erzählthema einbringen. Die zwei Stunden des kollektiven Erinnerns entpuppten sich für mich als wahre Fundgrube. Doch weit darüber hinaus konnte ich miterleben, wie bereichernd das Erzählen und Zuhören sein kann. Im Interview gibt Gabriela Giger einen Einblick ins Format des Erzählcafés:

Erinnern, erzählen, wertschätzen

Das Interview mit Gabriela Giger, Altersbeauftragte der Gemeinde Richterswil:

Gabriela Giger, was ist das Wesen des Erzählcafés, worum geht es?

Das Erzählcafé ist eine Biografiemethode der sozialen Arbeit. Es sind Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. Menschen kommen zusammen und teilen ihre Erlebnisse zu einem bestimmten Thema. Es geht nicht darum, wer etwas besser weiss oder andere darüber denken. Es wird auch nicht diskutiert, sondern eigene Lebenserfahrungen und erlebte Episoden erzählt. Meine Aufgabe ist es, diese Gesprächsrunden zu moderieren und einen Raum zum Erzählen zu schaffen.

Was hat dich bewegt, ein solches Angebot ins Leben zu rufen?

Ich finde es interessant zu hören, wie unterschiedlich das Leben verlaufen kann, was es bedeutet, dass jemand zum Beispiel als Mann geboren wurde oder als Kind während des Krieges gelebt hat. In diesen Momenten wird mir bewusst: So, wie ich das Leben lebe, ist nur eine Variante von vielen.

An diesem Nachmittag kamen auf 8 Frauen 2 Männer. Ist Erzählen Frauensache?

Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun. Das Alter ist nun einmal weiblich. Es gibt mehr alleinstehende alte Frauen als Männer. Ich glaube aber auch, dass Frauen schon im früheren Lebensalter verstehen, wie wichtig das Erzählen – auch schwieriger Dinge – ist. Die Frauen haben es einfach mehr geübt als die Männer.

Wie kommen die Erzählcafés bei den Teilnehmenden an?

Ich stelle jeweils fest, wie sich im Laufe eines Nachmittags die Stimmung verändert. Diese Lebendigkeit, die aus all den Lebenserfahrungen quillt, lässt die Leute mit einer anderen Mimik hinausgehen als sie gekommen sind. Dass es eben für einmal nicht darum geht, wer besser, schöner, schneller ist, sondern dass jede Erfahrung ihre Gültigkeit hat und nicht bewertet werden muss, tut grundsätzlich jedem gut. Vermutlich wirkt es sogar gesundheitsfördernd. Wenn ich mich mitteilen kann und vom eigenen Leben erzählen, so wie es gewesen ist, mit allem Schwierigen und allem Schönen, wenn ich mich anderen gegenüber öffnen kann, dann hat dies etwas sehr Wohltuendes.

Ist es schwierig, Themen zu finden?

Überhaupt nicht. Jedes Thema eignet sich. Auch Banales, wie etwa „Schuhe“. Weil die Leute etwas erlebt haben und durch die Erzählungen der anderen angeregt werden, ist es überhaupt nicht schwierig. Das Erinnern ist sehr ansteckend! Nehme ich bekannte Weisheiten, Sprichwörter und Redensarten, kann ich noch hundert Jahre Erzählcafé anbieten.

Hast du die Erinnerungen je protokolliert oder aufgenommen, um sie festzuhalten und vor dem Vergessen zu retten?

Das Wesentliche ist, dass jemand in Ruhe erzählen kann. Und dass andere in Ruhe zuhören. Das ist der einfache Trick, warum es funktioniert. Jede und jeder kann etwas beitragen, muss aber nicht. Es gibt keinen Leistungsanspruch. Das Einzige, was man muss, ist zuhören. Das ist in der heutigen Zeit eine grosse Kostbarkeit. Jemand hört mir zu und vermittelt mir das Gefühl, interessant zu sein. Darum geht es.

Mir kam es beim Zuhören vor, als würden wir gemeinsam einen Schatz bergen, der irgendwo in der Versenkung lag. Und dann mussten wir ihn wieder gehen lassen – vielleicht zurück in die Versenkung…

So, wie Erinnerungen eben sind. Interessant ist ja, was wir in Erinnerung behalten und was nicht. Beim Erinnern, sagt man, müsse es eine gefühlsmässige Verbindung geben, damit bestimmte Dinge im Gedächtnis haften bleiben. Insofern handelt es sich bei Erinnerungen um genau diese Perlen. Ich glaube, die halten ewig. Die lassen sich nicht nehmen. Die Frage ist, wie gross dieser Schatz ist und wie oft ich meine Schatzkiste anschauen und sehen kann, was alles drin liegt. Vielleicht bin ich tatsächlich erstaunt, was da alles auch noch liegt. Erzählen ist etwas ganz anderes als schriftliches Festhalten und Konservieren.

Was ist dein Eindruck: Ist Erinnerung etwas, das sich im Laufe der Zeit verfälscht?

Ich kann bei anderen nicht nachprüfen, was verformt ist. Das gelingt mir nicht einmal bei mir. Ich bin aber überzeugt, dass sich mit den Jahren und all den neuen Erfahrungen, die dazukommen, vieles verformt. Ereignisse werden anders ausgewertet und mit anderem verknüpft, sodass sie tatsächlich, wenn man genau nachfragen würde, nicht mehr ganz der Realität entsprechen. Aber ich glaube, dass dies bei Erinnerungen nicht entscheidend ist. Weil es einen persönlichen Grund gibt, warum jemand sich etwas in dieser Art gemerkt hat.  Es hat jetzt diesen Stellenwert, so erzählt zu werden und nicht anders. Und ich bin die Person, die die Kompetenz hat, zu entscheiden, wie ich meine Erinnerung jetzt in Sprache fasse.

Leistest du in Richterswil Pionierarbeit oder gibt es viele solcher Erzählcafés in der Schweiz?

Mit dem Netzwerk Erzählcafé, das entstanden ist, hat sich das Format etabliert. Das Netzwerk wird vom Migros Kulturprozent unterstützt, schliesslich ist es ja auch ein Generationenthema. Jetzt wird erstmals aufgenommen, wo überall in der Schweiz Erzählcafés stattfinden. Ich weiss von Kolleginnen, die dies ebenfalls anbieten. Die Methode lässt sich in unterschiedlichem Kontext brauchen, sei es für eine Kulturgeschichte, für eine Dorfgeschichte, an einem Geburtstagsfest, aber auch zur Bewältigung schwieriger Themen.

Welche Qualifikationen braucht es, um ein Erzählcafé zu moderieren?

Es braucht die Fähigkeit, diese Erzählrunden wirklich zu führen. Das Erzählcafé unterscheidet sich von einer Plauderrunde. Die Moderatorin  bereitet sich thematisch vor, führt das Gespräch und achtet darauf, dass nicht einzelne die ganze Redezeit für sich beanspruchen. Beim Erinnern kommen manchmal auch sehr schlimme Lebenserfahrungen hoch. Als Moderatorin darf ich keine Angst vor aufbrechenden Gefühlen haben, die hier einen Rahmen haben. Ich muss sicher sein im Umgang mit der Gruppe und ein Auge dafür haben, ob es allenfalls nachträglich eine Begleitung braucht. Das sind Qualitäten, die in einem solch herausfordernden  Moment zum Vorschein kommen.

Du hast dich eine Ausbildung gemacht – wo und wie?

Von Beruf bin ich Sozialarbeiterin. Vor ein paar Jahren  hat die reformierte Kirche des Kantons Zürich eine Ausbildung für Erzählcafés angeboten, unter der Leitung von  Lisbeth Herger, die ebenfalls biografisch berufstätig ist und mit dem Erwachsenenbildner Walter Lüssi. Es war eine sehr schöne Lernerfahrung, weil ich das Gelernte gleich anwenden und daraus lernen konnte. Mit all den theoretischen Kenntnissen, die ich hatte, wurde ich direkt in die Rolle des Moderierens geworfen. Durch diese  Art des Lernens konnten wir gemeinsam auswerten, was sich wie bewegt hat, warum sich eine Gesprächsrunde eher schwierig gestaltete und wie es kam, dass ein Thema plötzlich eine ganz andere Richtung nahm, als ich es mir gewünscht hätte.

Seither hat sich Professorin Johanna Kohn an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Soziale Arbeit des Themas angenommen. Die FHNW bietet Fachtagungen zum Thema an und die Universität Freiburg führt bereits zum zweiten Mal ein CAS «Lebenserzählungen und Lebensgeschichten» durch.

Ich stelle fest, dass die Erzählcafés, die sich über Jahre hinweg erfolgreich halten, von Personen durchgeführt werden, die solche Gesprächsrunden von ihrer Fähigkeit und Position her gut anleiten können. Viele denken: «So ein bisschen miteinander Erzählen und Kaffee trinken, das kann ich auch.» Es braucht  mehr, dass es gut funktioniert. Man muss den Leuten einen Raum zum Erzählen zubereiten, in dem sie bei Bedarf auch geschützt sind. Das macht den qualitativen Unterschied aus. Deshalb finde ich es toll, wenn eine Fachhochschule sich dem Thema Erzählcafé in der sozialen Arbeit annimmt.

Fensterlift PIT: von der Idee zum Familien-Startup

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Angela von Lerber

Angela von Lerber ist das Gesicht hinter phil-rouge: Sie konzipiert, schreibt und kreiert Content für On- und Offline-Publikationen.
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Wie die mühsame Fenstermontage den Erfinder- und Unternehmergeist einer Familie weckte

Mit dem Fensterlift PIT will sich der Holzbauunternehmer Axel Dähler selbst die Arbeit erleichtern. Seine Erfindung gibt die Initialzündung zur Gründung des Familienunternehmens FMTools. Im Schatten von Fintech, Cleantech und Biotech will das Schweizer Maschinenbau-Startup aus Winterthur nun die Arbeit auf der Baustelle revolutionieren: mit agilen Transport- und Hebemaschinen für die Baumontage.

15.9.2016, von Angela von Lerber

Hundert Fensterflügel pro Tag montiert ein Mann mit dem fahrbaren Fensterlift PIT – eine Arbeitsleistung, für die üblicherweise mehr als zwei Fenstermonteure im Einsatz stehen. Dass die Erfindung vom Besitzer einer Montagefirma stammt, kommt nicht von ungefähr. Doch bis aus Axel Dählers Idee ein serienreifes Produkt entstand, galt es viele Hürden zu nehmen. Noch stehen die drei ersten Geräte nur zur Miete im Einsatz. Damit eine AG gegründet und mit der Produktion losgelegt werden kann, braucht die Firma noch den richtigen Finanzierungspartner und die ersten zwanzig Geräte im Auftragsbuch.

Als Nischenprodukt deckt der Fensterlift PIT eine Marktlücke ab. Im Baumaschinenmarkt stehen zwar Hebelifte wie auch Treppensteighilfen im Angebot – doch einen fahrbaren Fenstermontagelift wie den PIT gibt es noch nicht. Mit dem Fensterlift PIT kann ein einzelner Monteur täglich hundert Fensterflügel von bis zu 100 kg Gewicht einbauen. Das entspricht nicht nur einer Verdoppelung der Arbeitsleistung, sondern schont zudem Rücken und Gelenke des Monteurs.

Der Fensterlift PIT: Einfach – aber oho!

Fensterlift PIT: Wer Hand anlegt, ist dankbar um Unterstützung.

Mit dem Fensterlift PIT geht auch der Transport viel leichter.

Während digitale Geschäftsmodelle in der Startup-Szene vorherrschen, bewegt sich FMTools in einer von Investoren kaum beachteten Nische. In der Hochbaubranche spricht kein Mensch von Fintech. Jeder Arbeitsgang ist individuell und wird zu grossen Teilen noch mit Augenmass und Muskelkraft ausgeführt. Entsprechend hoch sind denn auch der Kostendruck auf die Unternehmen und die Verschleisserscheinungen bei den Angestellten.

Sogar vorproduzierte Bauelemente wie Fenster, die heute in hochmodernen Anlagen vollautomatisiert hergestellt werden können, müssen am Ziel ihrer Reise, den Gebäuden, von Hand transportiert und montiert werden. Der Fensterlift PIT ist deshalb ein Produkt mit grossem Potenzial. Und die bereits angedachten, vielseitig verwendbaren Zusatzprodukte zum PIT versprechen einen branchenübergreifenden Effizienzschub auf den Baustellen der ganzen Welt.

Der «Ur-PIT» aus Holz und Abbruchmaterial

Die ersten Skizzen und der Name PIT entstanden vor einigen Jahren, kurz nachdem Axel Dähler einen Schreinereibetrieb übernommen hatte. Er wollte sich und seinen Monteuren das Lasten tragen und Fenster montieren erleichtern. Als er im September 2013 eine Auftragsflaute hatte, sagte er zu seinem Monteur: «So, heute bauen wir den PIT.»

Axel Dähler bei der Fenstermontage

Axel Dähler bei der Fenstermontage

Die beiden Handwerker steigen in den Keller und halten Ausschau nach passendem Material: Da liegen Zahnräder, Ketten, Veloräder, Bretter und ein ausgedienter Storenmotor mit Kurbel. Aus dem Autoabbruch kommen nochSicherheitsgurten dazu. Axel Dähler baut die ausgewählten Teile zusammen und hängt das Gerät mit dem Einzugkabel eines alten Staubsaugers an den Strom. Später versehen sie ihren PIT noch mit einer Kippsicherung, einem Akku und einer Motorenabdeckung. Schon zwei Wochen später kommt das Gefährt bei der Arbeit erfolgreich zum Einsatz.

«Ein Erfinder wird nie pensioniert»

Wagt im Pensionsalter den Schritt zum Unternehmer: Hanspeter Dähler

Wagt im Pensionsalter den Schritt zum Unternehmer: Hanspeter Dähler

Als Axels Vater Hanspeter Dähler von der Sache erfährt und sieht, dass das Gerät seines Sohnes funktioniert, ist für den erfahrenen Maschineningenieur klar: Dieses Gerät musst man auf den Markt bringen. Man musst es vermarkten und so lange verbessern, bis die Monteure auf der Baustelle sagen: «Ohne dieses Gerät montiere ich keinen schweren Gegenstand mehr.»

Der Vater holt seinen zweiten Sohn Zeno Dähler an Bord, der gerade unfreiwillig sein Maschineningenieur-Studium an der ZHAW abbrechen musste, weil er die Prüfungen nicht bestanden hatte, stellt das notwendige Startkapital zur Verfügung und gründet im Januar 2014 die FMTools GmbH. «Ein Erfinder wird nie pensioniert», meint der Senior, der in den vergangenen Berufsjahren als Maschinenbauer an der Entwicklung von über zweihundert Produkten in verschiedenen Branchen mitgewirkt hat, und steigt zum ersten Mal in seiner Karriere mit vollem Risiko in ein Projekt ein.

Machbarkeitsstudie und Firmengründung

Zeno Dähler macht die Not zur Tugend und steigt gerne in die Firma ein, hätte er doch ursprünglich gerne seine Bachelorarbeit an der ZHAW dem PIT gewidmet. So meldet er sich stattdessen kurzentschlossen zu einem Business Creation Kurs im Rahmen des CTI Entrepreneurship Förderprogramms für Startups an. Bei der Marktanalyse zeichnet sich schnell ab, dass der PIT über mehrere Alleinstellungsmerkmale verfügt und gute Marktchancen birgt. Bis zum Ende des Kurses hat Zeno Dähler den Businessplan für die neu gegründete Familienfirma FMTools ausgearbeitet.

Produktentwicklung: Der lange Weg zur Marktreife

Das Anheben der Fensterflügel auf die richtige Höhe nimmt der PIT dem Monteur ab.

Das Anheben der Fensterflügel auf die richtige Höhe nimmt der Fensterlift PIT dem Monteur ab.

Rund eineinhalb Jahre tüfteln die drei Unternehmer nach der Firmengründung an der Entwicklung ihres Produkts, mit dem sie den Markt erobern wollen. Zeno Dähler kann dabei seine Beziehungen zur ZHAW nutzen. So widmet ein ehemaliger Studienkamerad seine Bachelorarbeit dem Hebemechanismus des PIT. Zwei weitere ZHAW-Studenten untersuchen im Rahmen einer Semesterarbeit den Treppensteigmechanismus. Parallel dazu beginnen die drei frischgebackenen Unternehmer, den Markt zu bearbeiten. Ihre Bedingung, die sie an sich selbst stellen lautet: Nur falls es ihnen gelingen würde, einen ersten Käufer zu überzeugen, wollten sie die ersten PITs herstellen. Per Handschlag kommt es schliesslich zum Kaufabschluss. Endlich sind  die ersten drei PITs einsatzbereit. Datritt der Kunde von seinem Kauf zurück. Die drei PITs stehen nun also da, doch zum Weitermachen fehlt das Geld. Was nun?

Als unerwartet lang entpuppt sich auch der Anlaufweg bis zum Kaufentscheid

«Wenn man ein neues Produkt auf den Markt bringen will, stellt man fest, dass es gegenüber dem, was Experten, Manager und die Professoren in ihren Fachbüchern sagen, doppelt so lange dauert und doppelt so viel kostet,» weiss Hanspeter Dähler aus seiner langjährigen Erfahrung als Produktentwickler. Die Aufgabe, potenzielle Kunden vom Nutzen des PIT Fensterlift zu überzeugen, erwies sich als schwieriger, als die drei begeisterten Unternehmer sich vorgestellt hatten. «Erst im Nachhinein erkannten wir, welch einen langen Verkaufsweg unser Produkt braucht», ergänzt Zeno Dähler die Überlegungen seines Vaters. «Während wir zu Beginn die kleineren Unternehmen ansprachen, konzentrieren wir unsere Verkaufsanstrengungen jetzt auf die grossen Fensterbauunternehmen mit 400 bis 800 Mitarbeitenden. Für sie ist das Einsparpotenzial mit dem Einsatz von PIT riesig, doch die Entscheidungsprozesse sind hier eben noch länger.»

Testmiete statt Kauf

Der PIT im Testeinsatz

Der PIT im Testeinsatz

Die Dählers wären keine Unternehmer, hätten sie nicht eine Idee, wie sie unter den neuen Vorzeichen vorgehen wollen. Sie entschliessen sich, die drei PIT-Geräte zu vermieten – dank einem eigenen kleinen Montageteam wahlweise auch mit Monteur – und verdienen gutes Geld damit.

Die Testeinsätze sollen beweisen, dass der PIT für jeden Monteur ein unverzichtbares Gerät ist und zu einer massiven Effizienzsteigerung führt. Bald zeigt sich ein weiterer Vorteil der Vermietungen: Bereits gibt es Verbesserungsvorschläge betreffend Funktionen und Sicherheit – sodass bis zur nächsten Serienproduktion noch ein paar Entwicklungsschritte eingeschaltet werden.

Erste Erfahrungen:

Laut Hanspeter Dähler arbeiten aktuell vier bis sieben Monteure auf einer Grossbaustelle in Basel. «Die Rückmeldungen sind ermutigend. Tatsächlich gibt es bereits Monteure, die sagen, sie hätten den PIT jetzt am liebsten immer dabei. Je mehr solche Stimmen wir haben, umso mehr kommen wir tatsächlich dazu, dass wir das Gerät nicht nur vermieten, sondern verkaufen können.»

Kurz vor Gründung einer AG ist Geduld gefragt

Sobald die Finanzierungspartner gefunden sind, mit denen zusammen die zusätzlichen Anforderungen an den Fensterlift PIT L umgesetzt werdenkönnen, geht FMTools in die nächste Runde. Bis Ende Jahr sollten genügend Kaufabschlüsse getätigt sein, um mit der Produktion der ersten Geräte loszulegen. Zeno Dähler schaut zuversichtlich in die Zukunft: «In fünf Jahren sehe ich unser Unternehmen als mittelständischen Betrieb mit einer schönen Palette an Produkten zur Unterstützung der Logistik auf der Baustelle. Weiterentwicklungen sind wir imstande, selbst zu finanzieren – und wir können unsere Produkte exportieren.» Bis das Unternehmen rentabel arbeitet, ist noch ein Weg zurückzulegen. Hanspeter Dähler rechnet, dass der Break-Even in zwei – bestimmt aber in vier Jahren erreicht sein wird.

  • Zur Unternehmenswebsite von FMTools

Hintergrundinfo zur Entwicklung der Fensterbaubranche

Vollautomatische Kunststoff-Fensterproduktion bei Kronenberger

    • Das Unternehmensvideo des modernsten Fensterwerks der Schweiz endet, wo auch die Automatisierung ihr Ende nimmt, bei der Auslieferung der Fenster:

Die Firma Baumgartner in Hagendorf

Storytelling: Geschichten erzählen statt Fachjargon pflegen

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Was die Unternehmenskommunikation von der Pantomime lernen kann (Storytelling)

Eine lockere Folge von Gesprächen mit dem Pantomimen Carlos Martínez(1)

Text: Angela von Lerber

Storytelling mit Carlos Martínez

Carlos Martínez

Immer wieder neu bin ich fasziniert von der Fähigkeit des Mimen, in absoluter Stille, ganz ohne Requisiten anderthalb Stunden lang sein Publikum in Bann zu ziehen. Seine Fabulierkunst scheint aus einer fernen Welt zu stammen, in der die Zeit noch keine Rolle spielte, dafür umso mehr die Fantasie. Ich habe ein ausführliches Gespräch über seine Kunst mit Carlos Martínez geführt, dessen Inhalte ich häppchenweise in diesem Blog zugänglich machen will. Heute geht es um die Frage, inwiefern die Pantomime sich von der Gebärdensprache, wie Gehörlose sie untereinander pflegen, unterscheidet:

Pantomime versus Gebärdensprache

Carlos Martínez:
«Gebärdensprache und Pantomime sind zwei völlig unterschiedliche Kommunikationsformen. Wenn gehörlose Studenten zu mir kommen, um bei mir Pantomime zu lernen, muss ich sie erst einmal „umschulen“.

Als Mime spiele ich ja für ein hörendes Publikum. Meine Stille ist gemacht für Menschen, die hören. Die Gebärden der Gehörlosen jedoch sind eine voll ausgebildete Sprache für Menschen, die nicht hören können. Wenn Gehörlose in ihrer Sprache kommunizieren, dann verstehen wir, die wir ihre Sprache nicht beherrschen, buchstäblich kein Wort. Pantomime hingegen ist keine Sprache, sondern eine besondere Art, Geschichten zu erzählen. Der Pantomime übersetzt nicht einfach Sprache in Gesten. Zum Beispiel gibt es kein Wort für „aber“ auf pantomimisch. Es existiert kein Pantomimen-Lexikon. Ich wäre auch niemals in der Lage, einen ganzen Tag lang pantomimisch zu kommunizieren. Das wäre viel zu anstrengend – sowohl für mich, wie für meine Kommunikationspartner. Pantomime ist keine Sprache, sondern eine Kunstform.

In meinem Fall ist Pantomime eine Kunst, die ich auf die Bühne bringe, um Geschichten zu erzählen. Eine Geschichte braucht eine Dramaturgie, einen Anfang und ein Ende, einen Protagonisten und einen Handlungsstrang. Es gibt natürlich auch die Strassenpantomimen, die auf sehr eindrückliche Art ihre Technik zeigen. Sie zeigen, was sie alles können, ähnlich wie im Zirkus. Meine Art zu arbeiten ist anders. Mir geht es darum, eine Geschichte zu erzählen.»

Weg von der Insidersprache: Storytelling im Unternehmen

Manche Unternehmen kommunizieren so, als ob die ganze Welt ihren Fachjargon verstehen könnte. Doch wie bei der Gebärdensprache erschliesst sich die Fachsprache nur Insidern, die den Code beherrschen. Wer verstanden werden will, muss für seine hoch spezialisierte Fachwelt eine Sprache finden, die auch ein Laie nachvollziehen kann.

Am besten funktioniert dies, indem man Geschichten aus dem Unternehmen erzählt. Wie bei der Pantomime geht es auch bei einem Unternehmen nicht einzig darum, zu zeigen, welche Techniken man perfekt beherrscht. Das langweilt den Laien. Ein Unternehmen steckt voller spannender Geschichten. Sie auszugraben und zum Leuchten zu bringen – darum geht es in der Unternehmenskommunikation. Ein paar Anregungenen dazu:

  • Welche unbekannten Berufe sind in Ihrem Unternehmen vertreten?
  • Welche interessanten Aufgaben müssen Ihre Mitarbeitenden lösen?
  • Welche Missgeschicke haben sich schliesslich doch noch zum Guten gewendet?
  • Wie war das damals, als Sie noch mit den alten Maschinen produzierten – was hat sich seither geändert?
  • Welcher Kunde setzt Ihr Produkt auf unorthodoxe Weise ein und ist damit erfolgreich?

Wer wirklich verstanden und gehört werden will, sollte nachvollziehbare, spannende und authentische Geschichten erzählen.

Anschauungsbeispiel des Pantomimen

So erklärt Carlos Martínez seinem Publikum das Recht auf Privacy:

Aus der gleichen Serie: